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Menschenhandel an der Grenze zu Bangladesch

27. Februar 2016

Offizielle Zahlen belegen, dass Indien weltweit das am meisten vom Menschenhandel betroffene Land ist. Besonders gefährlich sind die Grenzübergänge zu den anliegenden Staaten. Deshalb haben wir uns entschieden, an der Grenze zu Bangladesch eine neue Arbeit zu starten.



Bei einem der Grenzgebiete zu Bangladesch konnten wir bislang ein neues kleines Team aufbauen. Aus Sicherheitsgründen nennen wir den Ort Hunschi. Dort herrscht Anarchie. Die meisten Bewohner kommen aus Bangladesch. Sie sind Muslime und leben illegal in Hunschi. Viele von ihnen sind in den Menschenhandel involviert. Hunschi ist also ein gefährlicher Hotspot für den Menschenhandel.

Erfahrung der besonderen Art

Dank der Begleitung von Polizisten konnten unser Team und ich bis an die Grenze zu Bangladesch fahren. Überall wurden wir mit bösen Blicken beobachtet. Offensichtlich waren wir alles andere als willkommen. Doch wir bekamen so einen guten Eindruck von der Gegend. Aus einer gewissen Ferne sahen wir das Haus, wo die Mädchen «zwischengelagert» werden, die von Bangladesch nach Indien verschleppt werden.

Auch Fabriken, in denen Kinder und ganze Familien als Sklaven gehalten werden und unter grässlichen Bedingungen arbeiten müssen, entdeckten wir. Der Anblick dieser völlig verwahrlosten Menschen brach mir fast das Herz. Es war für mich kaum erträglich, nicht auszusteigen und die Versklavten einfach befreien zu können.

Was wir konkret tun

In erster Linie werden wir die Präventionsarbeit fördern. Wir haben bereits einen Hort gegründet, wo Kinder regelmässig schulische Betreuung erhalten. Für Kinder und Eltern ist dies ein sicherer Ort, an dem man ins Gespräch kommen kann. Unsere Mitarbeiter erfahren hier zudem viel über die Zustände in der Gesellschaft. Weiter haben wir einen Bereich eingerichtet, wo Frauen Lesen und Schreiben lernen. Hier werden auch sehr wichtige Informationen ausgetauscht, Frauen werden über die Thematik des Menschenhandels aufgeklärt und ihr Selbstvertrauen wird gestärkt.

Dank diesen Kontakten gewinnen besonders die Frauen langsam Vertrauen in unsere Mitarbeiter. Durch die Aufklärung über die Gefahren des Menschenhandels können sie sich selber, aber besonders auch ihre Kinder besser schützen.

Erste Befreiungsaktionen

Es freut uns sehr, dass wir bereits zwei Mädchen befreien konnten. Beide wurden durch Bekannte mit einem Jobangebot in einer Grossstadt angelockt und erlitten Schlimmes. Eines der beiden wird bald ein Baby gebären, eine Folge der brutalen Gefangenschaft in einem Bordell. Da sie sehr schwach ist, ist eine Spontangeburt nicht möglich. Deshalb werden wir ihr einen Kaiserschnitt finanzieren.

Beide Elternteile sind überglücklich, dass sie ihre Mädchen wieder bei sich haben. Auch ihr Umfeld hat sie mit offenen Armen wieder aufgenommen. Dies ist gar nicht selbstverständlich, da in vielen Kulturen die Frau als Schande angesehen wird, wenn sie vergewaltigt wurde.

Erst der Anfang

Hunschi ist ein gefährliches Gebiet, wo der Handel mit Menschen, Drogen und Schmuggelwaren floriert. Wir sind enorm dankbar, dass wir so tüchtige Mitarbeiter in unserem Team haben. Sie sind hervorragend vernetzt, weise und mutig. Wir freuen uns sehr, dass wir mit ihnen zusammen dieses neue Projekt starten konnten, um hoffentlich noch viele Menschen vor dem erbarmungslosen Menschenhandel zu bewahren und viele zu retten, die darin gefangen sind. n Inés Wertgen, Projektleiterin Indien


Risiko: Armut und fehlende Aufklärung

Indien ist das Hauptquellenland des Menschenhandels. Alleine im Bundesstaat Jharkhand werden jährlich 33’000 Menschen Opfer dieses Verbrechens. Dabei kommt es längst nicht immer zu einer Entführung. Häufig werden die Opfer von einer vermeintlichen Vertrauensperson angesprochen. Vielfach sind dies Verwandte, Bekannte oder «Freunde», die den potenziellen Opfern einen gut bezahlten Job in einer Grossstadt versprechen. Auch Agenturen gelten als Vermittler, ebenso wie Loverboys, die die Mädchen mit einem Heiratsversprechen in die Falle locken.

Viele Betroffene des Menschenhandels werden an private Haushalte verkauft, wo sie täglich zwölf oder mehr Stunden schuften müssen und häufig auch missbraucht werden. Andere landen als Prostituierte im Bordell oder müssen in Fabriken oder auch in der Landwirtschaft Zwangsarbeit verrichten.

Nicht selten kommt es sogar vor, dass die Eltern ihre eigenen Kinder verkaufen, da sie in ihrer Not keinen anderen Ausweg mehr sehen. Armut ist daher ein Haupt-Risikofaktor. Abgelegene Wohnorte und die damit fehlende Aufklärung sowie der Analphabetismus sind weitere Gefahrenquellen, die den Menschenhandel begünstigen. Übermässiger Alkoholkonsum der Eltern sowie die fehlende Unterstützung der Behörden bergen weitere Risiken, wie auch die Tatsache, dass viele gefährdete Menschen ihre Rechte oft nicht kennen.

Reto Baliarda

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Tief beeindruckt vom starken Engagement

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