• Südsudan

Mit dem Zug in den Sudan entführt

08. Dezember 2016

Als zwölfjähriger Junge erlebte Garang Dhor Majok eine traumatische Entführung, die über einen Monat dauerte. Er musste mitansehen, wie zwei Südsudanesen von den Arabern kaltblütig getötet wurden. 18 Jahre lang wurde er als Sklave im Sudan aufs Übelste schikaniert und beschimpft. Seit September 2016 lebt er als freier Mann wieder in seiner Heimat.



 

Bei seinen Eltern, Geschwistern und dem blinden Onkel verbrachte Garang eine einfache und glückliche Kindheit. Es war ein heisser Tag in der Trockenzeit, als ihn sein Vater in ein grösseres Dorf namens Gomjoir schickte, um Sorghum für seinen Freund zu besorgen. Auf dem Rückweg begegnete der Knabe an einer Bahnhaltestelle bewaffneten Arabern aus dem Norden. «Sie hielten mich an und schossen in die Luft, um mir Angst einzujagen», ersinnt sich Garang an den Schreckensmoment. Die arabischen Kämpfer befahlen ihm, sie zu seinem Dorf und seinen Kühen zu begleiten. «Ich hatte schreckliche Furcht. Deshalb tat ich auch ohne Zögern, was sie von mir verlangten.»

Jegliche Gegenwehr mit dem Tod bestraft

Unterwegs trafen Garang und seine Entführer auf zwei erwachsene Dinkas (einheimische Ethnie). Sogleich wurden diese von den Arabern umzingelt, geschlagen und aufgefordert, ihnen ebenso den Weg zu ihren Kühen und Dörfern zu zeigen. Als sich die zwei Dinkas weigerten, wurde einer vor Garangs Augen niedergeschossen. Den anderen Dinka banden die Araber an ein Pferd. Er wurde erbarmungslos durch den holprigen, dreckigen Boden geschleift, bis er an seinen Verletzungen erlag. «Ich habe heute noch schlimme Erinnerungen an diese abscheulichen Morde.»

An seinem Dorf kamen Garang und die arabischen Entführer gar nie an. Vielmehr wurde der eingeschüchterte und traumatisierte Junge in die Stadt Aweil gebracht. Dort blieben sie einen Monat, bevor die Araber ihn in einen Zug zwangen und sie gemeinsam in den Norden des Landes fuhren.

Erniedrigt und gedemütigt

Die Verschleppung endete in der Stadt Abila in der Region Westdarfur, wo Garang an den arabischen Bauern Adam Dablo verkauft wurde. Mit seinen drei Frauen Awadia, Salwa und Rokia hatte Adam insgesamt sieben Kinder. Der minderjährige Sklave musste täglich Adams Kühe hüten und sie zum nächstgelegenen Wald zur Weide führen. Ausserdem musste er die Kleider der sieben Kinder waschen.

Jahrelang wurde Garang von der sudanesischen Unterdrückerfamilie beleidigt, schikaniert und misshandelt. «Ich durfte mich nicht in der Nähe ihrer Mahlzeiten aufhalten. In der Regel musste ich mich von den Essensresten der Familie ernähren. Ständig beschimpften sie mich mit Jengai («Neger»). Es war ein Alptraum», blickt Garang auf seine fürchterliche Zeit als Sklave zurück, in der er auch gezwungen wurde, zum Islam zu übertreten.

Eine Begegnung mit unerwarteten Folgen

Im Herbst dieses Jahres kam ein Sklavenbefreier in die Region von Abila. Er begegnete auch Garang und fragte ihn unverzüglich, ob er gerne zurück in seine Heimat – den mittlerweile neu gegründeten Staat Südsudan – reisen würde. «Natürlich sagte ich sofort ja», erinnert sich der heute 30-Jährige an diesen unerwarteten, hoffnungsvollen Moment.

Garang sah noch, wie sich der Befreier mit Sklavenhalter Adam traf und ihm etwas gab, das er nicht erkennen konnte. Doch der junge Südsudanese war in dieser spannungsgeladenen Situation derart von seinen Gefühlen überwältigt, dass ihm dies überhaupt keine Rolle spielte. Er war einfach dankbar und glücklich, als der Befreier wieder auf ihn zukam und ihn mit auf die Rückreise in den Südsudan nahm.

Nach 18 Jahren Versklavung und Unterdrückung konnte Garang Dhor Majok am 16. September 2016 seinen Fuss wieder auf den Boden seiner Heimat setzen, und zwar als freier Mensch. «Ich bin überglücklich, dass ich wieder im Südsudan bin. Hier wird mich niemand grundlos schlagen und mich auch nicht mit beleidigenden Worten verletzen. Ich danke Gott, dass er mein Leben gerettet hat.»

 

Reto Baliarda