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«Nach der Wahl von Präsident Buhari haben sich die muslimischen Fulani-Nomaden radikalisiert»

22. Mai 2020

Der bekannte nigerianische Menschenrechtler Monsignore Obiora Ike nimmt kein Blatt vor den Mund. Gemäss Ike werden die tödlichen Übergriffe islamistischer Fulani-Milizen auf Christen von der Regierung unterstützt. Trotz allem besteht auch Grund zur Hoffnung.



CSI: In den westlichen Medien erfährt man sehr wenig über die religiöse Verfolgung in Nigeria. Erstaunt Sie das?

Monsignore Obiora Ike: Nicht unbedingt. Afrika ist für die internationalen Medien grundsätzlich nicht interessant. Und Europas Politiker lassen lieber Islamisten aus Asien in ihren Kontinent als afrikanische Christen. Doch an den Bodenschätzen sind sie interessiert.

In jüngster Vergangenheit wurden in keinem anderen Land so viele Christen wegen ihres Glaubens getötet wie in Nigeria. Kann man sagen, dass in Nigeria ein Religionskrieg herrscht?

Dieses Wort verwende ich nicht. Religion ist grundsätzlich ein Friedensfaktor und gibt keinen Anlass für Streit. In allen Religionen geht es darum, dass sich die Menschheit unter den Schutz Gottes stellen kann und Gott die Natur schützt. Leider wird in manchen Fällen Religion für anderweitige politische und soziale Zwecke instrumentalisiert.

In Nigeria leiden derzeit die Christen vor allem unter der Gewalt von islamistischen Fulani-Milizen. Die Fulani-Nomaden werden demnach für politische Ziele missbraucht.

Das ist so. In den letzten 100 Jahren haben die muslimischen Fulani-Nomaden mit den christlichen Bauern in Frieden gelebt. Bevor Muhammadu Buhari 2015 Präsident Nigerias wurde, gab es keine islamistische Gewalt von Fulani-Nomaden. Seit seiner Wahl wird die brutale Islamisierung durch Fulani-Banditen legitimiert und vorangetrieben. 20 000 Menschen, überwiegend Christen, wurden seit seiner Machtübernahme 2015 getötet.

Buhari unterstützt diese Islamisierung durch Terror, Entführungen und Enteignungen von Ländereien christlicher Bauern, weil dies in sein Programm passt, gegen die Christen vorzugehen. Deshalb will auch weder das Militär noch die Polizei die gewalttätigen Übergriffe der Fulani stoppen. Unser Präsident hätte die Macht, dies zu tun. Aber er unternimmt nichts.

Das ist sehr schlimm und dramatisch. Kann man Buhari wenigstens zu Gute halten, dass er die Terrormiliz Boko Haram im Nordosten bekämpft?

Das wird in den Medien so dargestellt. Dabei wurde Buhari von Boko Haram unterstützt, um seinen christlichen Vorgänger Goodluck Jonathan zu verdrängen. Und ob die Anzahl getöteter Menschen durch Boko Haram in jüngster Vergangenheit wirklich abgenommen hat, wage ich zu bezweifeln.

Würde sich die Lage entspannen, wenn der Reichtum in Nigeria besser verteilt wäre? Es ist doch so, dass die Christen im reicheren Süden leben und die Muslime im armen Norden. Ist das zu pauschal ausgedrückt?

Tatsache ist, dass die reichsten Nigerianier aus dem Norden stammen und Muslime sind. Es stimmt zwar, dass in den muslimischen Gebieten im Norden des Landes Armut, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus verbreiteter sind als in den christlichen Regionen. Doch dieses Elend ist weitgehend hausgemacht. Die muslimischen Herrscher im Norden sind gar nicht daran interessiert, dass die Kinder zur Schule gehen und besser ausgebildet werden. Sie fürchten sich vor einem Macht- und Kontrollverlust. So aber können sie die Menschen manipulieren und die Religion instrumentalisieren. Letzteres gipfelt im Namen der Terrororganisation Boko Haram, was ja bedeutet, dass Bücher Sünde sind.

Sie reden Klartext. Haben Sie keine Angst vor Anschlägen? Immerhin entgingen Sie im Oktober 2002 nur knapp einem Attentat.

Warum sollte ich Angst haben? Als Christ ist es meine Aufgabe, die Wahrheit zu sagen. Nur wenn wir das Jenseits aus den Augen verlieren und das Diesseits als unsere Heimat betrachten, werden wir ängstlich, weil wir dann den Glauben und die Orientierung verlieren. Als Christen sollten wir uns auch nicht vor dem Tod fürchten. Denn der Tod ist unser Freund.

Angst gehört doch zu unserem Leben.

Als Christen sind wir aber herausgefordert, angstfrei zu leben. Das heisst für mich auch, dass wir klar Stellung beziehen und Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen sollen. Den Widerständen zum Trotz müssen wir uns gegen Diskriminierung und religiösen Fundamentalismus einsetzen. Wir müssen für die armen und verfolgten Menschen eintreten.

Besteht Hoffnung, dass sich die Lage für die bedrohten Christen in Nigeria in absehbarer Zeit verbessert?

Ich glaube eher, dass sich die Krise zuspitzen wird, weil die Regierung kein Interesse zeigt, die Christen zu schützen. Ich erachte Nigeria in dieser Hinsicht gegenwärtig als einen gescheiterten Staat.

Was müsste denn Ihrer Meinung nach geschehen?

Die politische Führung muss zu ihrer Verantwortung stehen und Minderheiten beschützen. Auch die Kirchen müssen für Wahrhaftigkeit einstehen.

Was erwarten Sie vom Westen?

Die internationale Gemeinschaft darf Afrika nicht vergessen. Ich erlebe Europa als seelenlos, wenn es ums Geschäftemachen geht. Auch werden in Europa Christen unterdrückt, und zwar durch die Gleichgültigkeit. Man schläft und schnarcht in der Kirche. Die Folge dieser Gleichgültigkeit ist, dass der christliche Glaube ausstirbt. In London gehen mittlerweile mehr Muslime freitags in die Moschee als Christen sonntags in die Kirche. Das sollte uns zu denken geben.

Europa muss aufwachen und darf nicht schweigen, wenn Christen weltweit und vor allem auch in Nigeria brutal unterdrückt werden. Ich finde es zudem bedauernswert, dass Europa lieber Muslime aus Asien als Flüchtlinge aufnimmt als Christen aus Afrika.

Sehen Sie auch hoffnungsvolle Zeichen?

Ja, durchaus. Ich stelle fest, dass die Kirchen in Afrika voller sind als je zuvor. Gerade in Nigeria begegne ich vielen furchtlosen Christen. Hoffnung schöpfe ich auch wegen der Arbeit von CSI. Im Sudan hat CSI klar Position bezogen und sich für die Freiheit von Sklaven eingesetzt. Ich bin daher zuversichtlich, dass sich CSI gleichermassen für Religionsfreiheit in Nigeria engagiert.

Reto Baliarda

 


 

Zu Obiora Ike

Obiora Ike kam 1956 im mehrheitlich muslimischen Bundesstaat Zanfara in Nordwestnigeria zur Welt. Im Alter von 22 Jahren schloss er sein erstes Studium in Philosophie ab. Heute verfügt er über mehrere Studienabschlüsse, die er unter anderem in Innsbruck und in Bonn erlangte. Er spricht fliessend Deutsch. Als Menschenrechtsaktivist hat er bis heute über 20 Nichtregierungsorganisationen gegründet, die sich vor allem mit Christentum, Islam, Gerechtigkeit und Frieden befassen. Zudem ist er Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) mit Sitz in Frankfurt am Main. Obiora Ike lebt im Südosten Nigerias. Wegen seines Engagements in Ethik und interkulturellen Beziehungen besucht er oft die Schweiz. Im September 2019 war er Gastredner am CSI-Tag in Zürich.

 

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