• Irak

Nach überlebtem Attentat musste er in eine ungewisse Zukunft fliehen

12. April 2016

Schicksalsschläge haben den jungen Familienvater Rami Kerio Hanna geprägt: 2009 wurde er durch eine Autobombe verletzt. Fünf Jahre später wurde er vom IS aus seiner Heimat vertrieben. In Kurdistan schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Doch hat seine Familie dort eine Zukunft?



Am Nachmittag des 29. Juni 2009 kontrollierte Rami wie so oft einen Teil der Parkplätze vor dem Spital in Karakosch. Dabei sah er, wie sich zwei Männer in einem stehenden Auto sonderbar verhielten. Rami verständigte die Polizei. In dem Moment, als sieben Polizisten das Auto umstellt hatten, zündeten die Attentäter im Auto eine Bombe. Sowohl die Polizisten als auch ein Kind starben, Rami selbst erlitt schlimme Kopfverletzungen.

Dr. John Eibner und Gunnar Wiebalck hielten sich zum Zeitpunkt des Attentats im Irak auf. Noch am selben Tag besuchten sie den schwerverletzten Rami im Spital. Es war die erste, aber nicht letzte Begegnung mit einem mutigen Mann, der gerne Theaterstücke schreibt. Ein erstes Wiedersehen folgt knapp zwei Jahre später, am 15. Mai 2011, in Ramis Haus in Karakosch. Der junge Familienvater hat sich vom Terroranschlag gut erholt. 

Auch am 23. Februar 2016 ist John Eibner im Irak unterwegs und koordiniert in einem Flüchtlingslager eine Verteilaktion von Hilfspaketen in der Nähe der kurdischen Stadt Erbil. Da begegnet ihm ein junger Mann, den der CSI-Projektleiter sofort erkennt: Es ist Rami Kerio Hanna. Das Wiedersehen ist herzlich, auch wenn Rami John Eibner lieber in seinem Haus begrüsst hätte. Doch dieses musste er im August 2014 verlassen, als Karakosch von der Terrororganisation Islamischer Staat eingenommen wurde.

Ein Theaterstück über die Flucht geschrieben

Rami geht es soweit gut. Eine körperliche Arbeit kann er aber nicht verrichten. «Wegen der Granatsplitter in meinem Kopf leide ich häufig unter Kopfschmerzen, erklärt er und fügt an: «Typische Bürotätigkeiten wie Buchhaltung kann ich ausführen. Zudem schreibe und produziere ich Theaterstücke für Jugendliche. Ich habe sogar ein Stück über unsere Flucht aus Karakosch geschrieben. Es zeigt unsere Fähigkeit, unter widrigsten Umständen zu überleben», bemerkt er mit einer kleinen Prise Galgenhumor.

Geldsorgen nach der Vertreibung

Nach der Flucht strandete Ramis Familie in Ankawa, einer christlichen Vorstadt von Erbil. «Wir waren 64 Personen, die in einem Haus eines Verwandten Unterschlupf fanden.» Nach einigen Wochen fand Rami zwar eine kleine Wohnung für seine Familie, doch diese wurde allmählich zu teuer. «Ich hatte einen temporären Job bei einer Telekommunikations-Firma und verkaufte obendrein das Auto, mit dem wir aus Karakosch geflohen waren. Trotzdem konnten wir mit der Zeit die Miete nicht mehr bezahlen.»

Als das Geld aufgebraucht war, zog die Familie nach Ozal, einer unvollendeten Satellitenstadt in der Agglomeration von Erbil. «Wir haben mit drei weiteren Familien ein kleines Haus bezogen. Insgesamt wohnen 14 Menschen hier. Die Küche und das Badezimmer müssen wir uns teilen. Meine Familie schläft in der unteren Stube», beschreibt er die gegenwärtige Wohnsituation. Doch bald wird noch eine weitere Familie dazustossen, was die prekäre finanzielle Lage entschärfen wird. 

Rami ist arbeitslos. Während kurzer Zeit hatte er eine temporäre Anstellung bei der Hilfsorganisation «Jesuit Relief Service». Dabei führten Jugendliche einige seiner Theaterstücke auf. Das half allen, etwas Normalität in ihrem zerrütteten Leben zu erfahren.

«Von Monstern umgeben»

Auf seine Zukunft angesprochen, stösst Rami einen Seufzer aus: «Am liebsten würde ich zurück nach Karakosch fahren und wieder dort leben.» Doch das ist der Idealfall. Tatsache ist, dass der tapfere Familienvater viel ans Auswandern denkt. Dies auch, weil er für sich und vor allem für seine Kinder im Irak keine echte Zukunft sieht. 

Selbst wenn man den IS aus Karakosch und der ganzen Ninive-Ebene verjagen würde und seine Familie in die Heimat zurückkehren könnte, bleibt Rami pessimistisch. «Auf diesem Erdflecken sind wir von Monstern umgeben», meint er direkt und erklärt: «Nach der IS-Eroberung haben uns muslimische Freunde angerufen und mitgeteilt, dass andere muslimische Nachbarn unser Haus geplündert hätten.» Eines Tages werde die Ninive-Ebene wahrscheinlich befreit sein. «Doch ohne glaubwürdige, langfristige Sicherheitsgaran­tien der Internationalen Gemeinschaft wäre es verantwortungslos, zurückzukehren.»

Eine bessere Zukunft für seine Familie

Auch im relativ sicheren Kurdistan gebe es keine Perspektiven. Es sei sehr schwierig, eine Arbeit zu finden, vor allem als nicht-kurdischer Christ mit einer anderen Sprache. «Als Universitätsabsolvent finde ich keine permanente Arbeit, mit der ich meine Familie ernähren könnte. Ich möchte für meine Familie eine bessere Zukunft», bemerkt er sorgenvoll.

«Helft uns!»

Rami ist CSI sehr dankbar für die Unterstützung. «Das half uns, die Katastrophe zu überleben.» Doch der auf ihm lastende Druck ist enorm. Der verzweifelte Iraker hofft darauf, dass die Christen und die Kirchen in Europa und Amerika ihre Stimme erheben: «Wir brauchen glaubwürdige Sicherheitsgarantien für ein Leben in der Ninive-Ebene. Und wenn das nicht möglich ist, dann helft uns bitte, einen Massenexodus für uns irakische Christen zu organisieren. Es braucht den einen oder anderen Weg, damit wir als Gemeinschaft überleben.» Und an John Eibner gerichtet äussert er seine Dankbarkeit: «Ich habe Sie jetzt dreimal gesehen. Jedes Treffen mit Ihnen macht mich glücklich.»

CSI wird im Irak weiterhin denjenigen, die nicht fliehen können, zur Seite stehen.

Reto Baliarda

Ihr Kommentar zum Artikel

Wir freuen uns, wenn Sie hierzu eine Rückmeldung oder Ergänzung haben. Themenfremde, beschimpfende oder respektlose Kommentare werden gelöscht.

Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.

Projekt Irak