Neuanfang in Aleppo

25. Januar 2019

Viereinhalb Jahre war Aleppo gnadenlosen Gefechten zwischen der Armee und islamistischen Rebellen ausgesetzt. Zwei Jahre nach dem Abzug der Rebellen ist vieles wieder instand gesetzt. Doch die Not der Menschen ist groß. Hier setzt die Hilfe von CSI und den «Blauen Maristen» an.



«Aleppo, unsere Stadt, liegt im Sterben, sie droht zu ersticken.» So ertönte der Schrei der «Blauen Maristen» in einem Brief vom Sommer 2012. «Der Krieg breitete sich in den Quartieren aus. Überall sah man flüchtende Menschen, die umherirrten und sich auf der Strasse, in öffentlichen Pärken oder Schulen niederliessen.»

Der syrische Arzt Dr. Nabil Antaki, Mitgründer der «Blauen Maristen», weilte kürzlich für ein Benefizkonzert in Lausanne, wo ich ihm begegnete. Antaki beschrieb, was seine Heimat in den letzten Jahren durchmachte: Die Stadt war damals zweigeteilt: Die Regierungstruppen kontrollierten den Westen, während der Osten und der Süden in der Hand der Rebellen war. Innerhalb weniger Tage suchte eine halbe Million Zivilisten im Westen Aleppos Zuflucht. Viele flohen weiter an die Küste Syriens oder suchten im Ausland Schutz.

In dieser Notlage riefen Nabil Antaki, seine Frau Leyla und ein Geistlicher, der Maristen-Bruder Georges Sabé, die Vereinigung der «Blauen Maristen» ins Leben. Ihre Devise: «Wir solidarisieren uns mit den Geflüchteten und den Ärmsten. Gemeinsam wollen wir die Not lindern, die Menschen fördern und Hoffnung säen.»

Das Ende des Alptraums

«Am 23. Dezember 2016 ging der Alptraum für die Bewohner Aleppos zu Ende», schrieb Antaki in einem seiner zahlreichen Briefe, die inzwischen in Buchform erschienen sind (siehe Kasten auf Seite 6). Die letzten bewaffneten Gruppen von Aufständischen wurden evakuiert. Die Bomben verstummten. Die ganze Stadt erlebte eine Wiedervereinigung. Doch zu welchem Preis? Die Zerstörung in den östlichen Quartieren war verheerend.

Und wie präsentiert sich Aleppo heute? «Wer heute nach Aleppo kommt, würde die Stadt als wunderschön bezeichnen», bemerkte Nabil Antaki bei seinem Besuch in Lausanne. Tatsächlich, welch ein Unterschied! Die Cafés im Zentrum der Stadt sind heute voll. Die Stromversorgung funktioniert während 14 bis 15 Stunden am Tag. Fliessendes Wasser gibt es vier bis fünf Tage die Woche. Die Trümmer auf den Strassen sind beseitigt, die Trottoirs wiederhergestellt. Sämtliche Barrikaden wurden entfernt. Die Stadtbeleuchtung wurde instand gesetzt, ebenso die Ampeln. Schliesslich haben auch die Schulen ihren Betrieb wieder aufgenommen. Hier und dort sieht man Bewohner, die ihre Häuser wiederaufbauen.

Doch für den Mediziner Nabil Antaki sind die sichtbaren Veränderungen nicht mehr als Schönheitschirurgie. Die Stadt brauche aber vor allem eine wiederherstellende Chirurgie.

Es mangelt an vielem

Wer sich längere Zeit in Aleppo aufhält, stellt fest, dass die Lage immer noch schwierig ist, vor allem wirtschaftlich. Antaki schätzt, dass etwa 80 Prozent aller Familien immer noch auf Hilfspakete mit Nahrungsmitteln und Hygieneprodukten angewiesen sind, um zu überleben. Die Arbeitslosigkeit ist enorm, und die Preise haben sich seit Beginn des Krieges verzehnfacht. Vor allem aber lässt die internationale Unterstützung für den Wiederaufbau auf sich warten, weil westliche Regierungen diese an die Bedingung eines «politischen Übergangs» knüpfen.

Die Wirtschaftssanktionen haben die Lage in Syrien noch verschlimmert: «Diese Sanktionen verhindern den Import von so vielen wichtigen Produkten», bemerkte Antaki bei seinem Vortrag in Lausanne. Theoretisch seien zwar die Medikamente von den Sanktionen ausgenommen, doch die Realität sieht anders aus: «Wie können wir denn Medikamente importieren, wenn es den Exportländern verboten ist, finanzielle Transaktionen mit Syrien zu tätigen?»

Hoffnung verbreiten mit CSI-Unterstützung

Die «Blauen Maristen» von Antaki zählen heute zirka 100 Freiwillige. Als Reaktion auf die humanitäre Lage wurden im Laufe der letzten sechs Jahre 14 Hilfsprogramme mit Fokus auf Bildung, Gesundheit und Arbeit ins Leben gerufen.

Als Partner der «Blauen Maristen» hat sich CSI anfänglich im medizinischen Bereich engagiert. Mittlerweile unterstützt CSI zwei Programme für die berufliche Reintegration. «Nachdem die Familien in Aleppo sechs Jahre lang auf humanitäre Hilfe angewiesen waren, ist nun die Zeit gekommen, dass sie in Würde von der Frucht ihrer Arbeit leben können», erklärt Antaki. «Und da die Arbeitslosigkeit bei uns derart hoch ist, haben wir uns entschieden, den Menschen Arbeitsprogramme anzubieten.»

«Heartmade» kommt von Herzen

«Heartmade» nennt sich das neuste Projekt, das von CSI unterstützt wird. Es besteht aus einem Atelier, in welchem gebrauchte Kleider geflickt werden, und einem Verkaufsladen; Projektleiterin ist Leyla Antaki, die Frau von Nabil. Sie hat rund zehn Frauen angestellt. Gegenwärtig sind die Produkte ausschliesslich für den einheimischen Markt vorgesehen, da die Sanktionen einen Export verunmöglichen.

Seroun (siehe Titelseite) ist eine der Schneiderinnen im Atelier. Während des Kriegs kümmerte sich Seroun vor allem um ihre beiden kleinen Töchter und versuchte nebenbei, als Kleiderschneiderin etwas Geld zu verdienen. Ihr Ehemann, ein Apotheker, hatte im Krieg seine Stelle verloren. Die Familie wohnt immer noch in Al-Midan, einem armenisch-christlichen Quartier in Aleppo, das während des Kriegs oft in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Mittlerweile hat Serouns Mann eine Arbeitsstelle als Maschinist gefunden. Sie selbst ist glücklich und dankbar, dass sie bei «Heartmade» dabei sein kann. «Dieses Programm hat bei mir positive Veränderung gebracht, sowohl materiell als auch persönlich. Mein Selbstvertrauen ist gestiegen, und ich kann endlich zum Wohl unserer Familie beitragen», berichtete sie freudig CSI-Geschäftsführer John Eibner bei seinem letzten Besuch in Aleppo.

«Job»: Mikro-Projekte für einen Neustart

Das zweite Hilfsprojekt der «Blauen Maristen», das CSI unterstützt, nennt sich «Job», in doppeldeutiger Anlehnung an Hiob aus dem Alten Testament (engl. Job) und den englischen Begriff für Arbeit. Die rund 20 Begünstigten dieses Programmes eignen sich in einem dreiwöchigen Intensivkurs das nötige Rüstzeug an, um ein eigenes Geschäft zu führen. Unter Berücksichtigung der Machbarkeit, Nachhaltigkeit und Rentabilität wählt eine Jury die besten Projekte aus und gewährt dafür eine Starthilfe von umgerechnet 3000 bis 5000 Franken. Auch diese Projekte werden von einem Mentor begleitet.

Seit Beginn dieses Programms konnte CSI mehr als 20 Kleingewerbe-Projekte unterstützen. Eines davon ist ein Elektrogeschäft, das sich in al-Zabdaya in Ost-Aleppo, der ehemaligen Rebellenhochburg der Stadt, befindet. Geführt wird das Geschäft von Hashem und Zakaria. Hashem hatte schon während des Kriegs Elektro-Produkte verkauft, allerdings in einem von der Regierung kontrollierten Stadtteil.

Die zwei sind überglücklich: «Endlich sind wir unabhängig. Unser langfristiges Ziel ist es, das Geschäft im Bereich der Innenausstattung auszubauen.»

Hélène Rey | Reto Baliarda

 

Bitte helfen Sie den Menschen in Aleppo, die einen Neuanfang wagen.

 


 

Briefe als Buch veröffentlicht

Die beiden Gründer der «Blauen Maristen», Dr. Nabil Antaki und Bruder Georges Sabé, verfassten in den letzten Jahren zahlreiche Briefe, in denen sie über die aktuelle Situation in Syrien berichten. Letztes Jahr wurde ein grosser Teil des Briefverkehrs auf Französisch publiziert. Die Briefe nehmen den Leser mit in die Hölle des Kriegs. Doch im Zentrum dieser Hölle gibt es einen Hoffnungsschimmer: Eine Gruppe Freiwilliger in blauen T-Shirts hat sich entschieden, dem leidenden syrischen Volk beizustehen, ihm zu dienen und die Liebe Gottes zu bezeugen.

Das Buch ist nur auf Französisch erhältlich. Es kann hier bestellt werden

 

 

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Projekt Syrien