Neue Einsatzorte für Verfolgte

28. Juni 2018

In verschiedenen Gebieten Indiens hat sich die Lage für religiöse Minderheiten deutlich verschlechtert, seit Premierminister Modi 2014 die Macht übernommen hat. Die Situation in drei der betroffenen Staaten haben wir uns anläßlich der letzten Reise genauer angesehen.



Im Staat Tamil Nadu besuchten wir die Kirche, deren Pastor man am 28. Dezember 2017 in seiner Hütte erhängt aufgefunden hatte. Die offizielle Version der Polizei spricht von Selbstmord. Doch die Tatsachen, wie zum Beispiel, dass die Tür von aussen verschlossen worden war, zeigten, dass diese Version nicht stimmen konnte.

Schon seit langem war die kleine Kirche in dieser Gegend vielen ein Dorn im Auge. Kirchenmitglieder hatten seit einigen Monaten immer wieder Drohungen erhalten, Pastor Gideon sogar Morddrohungen. «Dabei war er ein sehr liebenswürdiger Mensch, immer bereit, den Leuten zu helfen. Die Gemeindemitglieder sind schockiert über seinen Tod und gleichzeitig auch sehr verängstigt», erzählt uns der neue Pastor, Digal* (Name geändert). «Es ist nicht einfach, in dieser Atmosphäre der Angst die Gottesdienste weiterzuführen. Doch die Kontinuität ist sehr wichtig, zur Ermutigung und Stärkung unserer Glaubensgeschwister.»

Hilfe in neue Staaten

Seit gut acht Jahren setzt sich CSI für Religionsfreiheit in Indien ein. Angefangen hat die Arbeit im Staat Orissa, ausgelöst durch die verheerenden Angriffe auf Christen im 2008.

Inzwischen haben sich die Schwerpunkte der Gewalt auf andere Bundesstaaten verlagert. Mit unseren Partnern in Indien haben wir daher im April eine Erkundungsreise in drei Staaten unternommen, in denen Christen in den letzten Monaten besonders von Angriffen durch Hinduextremisten betroffen waren.

Wir bereisten die Staaten Bihar, Uttar Pradesh und Tamil Nadu, die alle von hinduextremistischen Parteien regiert werden. Das heisst, die wichtigen Ämter in der Politik, Polizei, Justiz und im Sicherheitsapparat, aber auch die Medien, stehen unter dem starken Einfluss und der Kontrolle der Hinduextremisten. So entsteht ein Klima, in dem einerseits gegen religiöse Minderheiten gehetzt und Gewalt gegen sie quasi legitimiert wird während ihnen ein feindselig gesinntes Sicherheits- und Rechtssystem den Schutz, wenn überhaupt, nur sehr widerwillig einräumt. Wohin können sich Menschen unter diesen Umständen noch wenden, wenn sie Angriffe und Verfolgung erleiden?

Unter ständiger Beobachtung

Gezielt wurden in den letzten Jahren Beobachtungsgruppen im ganzen Land aufgebaut, die einerseits die Aktivitäten von religiösen Minderheiten beobachten, anderseits Lügen verbreiten und Hetzkampagnen gegen diese Gruppen verbreiten. So entstehen sehr viel Aggression, Missverständnis und Misstrauen unter der Bevölkerung und Hass gegen Nichthindus wird geschürt. Die Beobachtungsgruppen sind gut organisiert und über die Tätigkeiten der Christen informiert.

So wird es immer schwieriger christliche Veranstaltungen und Gottesdienste durchzuführen, da diese durch gut informierte Mobs immer wieder gestört und sogar verunmöglicht werden. Verbale Angriffe, Drohungen bis hin zur Zerstörung der Infrastruktur und heftige körperliche Verletzungen führen häufig dazu, dass Veranstaltungen, Seminare, Workshops, Gebetsgruppen, Hauskreise und Gottesdienste abgebrochen werden und Christen zum Teil die Flucht ergreifen müssen.

Omnipräsente Anspannung

In allen bereisten Bundesstaaten haben wir viele Zeugen getroffen, die von ihren eigenen Erfahrungen berichteten. Neben Drohungen und verbalen Erniedrigungen berichteten alle von teilweise erheblicher körperlicher Gewalt. So berichtete ein Pfarrer im Staat Bihar:» Im Sommer 2017 fuhr ich mit meinem Motorrad gerade nach Hause, als mich an einer wenig befahrenen Strasse eine Gruppe Männer stoppten. Wegen meinen pastoralen Tätigkeiten beschimpften sie mich übel, zerrten mich vom Motorrad und schlugen mich fürchterlich zusammen, bis ich das Bewusstsein verlor. So liessen sie mich liegen. Gott sei Dank fanden mich vorbeifahrende Bewohner. Diese brachten mich ins Spital. Während zwei Monaten lag ich zu Hause und konnte mich kaum bewegen. Doch ich danke Gott immer wieder, dass ich überlebt habe».

Nach seiner Genesung hatte der Pastor zunächst gehofft, auf eine bescheidene Art weiter Gottesdienste und Gebetsgruppen zu halten. Doch seit Ende 2017 wurde er wieder derart bedroht, dass er nun sein Dorf verlassen hat und mit seiner Familie an einem anderen Ort wohnt.

Wie wir helfen können

Dank der bereits bestehenden Zusammenarbeit mit Anwältin Arora und ihrem Team, welches in ganz Indien tätig ist, helfen wir seit einigen Jahren verfolgten Christen auf juristischer Ebene. Dies ist besonders wichtig, denn die Opfer stehen nach Übergriffen oft völlig hilflos da, wenn es um juristischen Schutz und das Einfordern ihrer Rechte geht.

Doch ganz wichtig ist auch die Hilfe vor Ort, das heisst, bei den Leuten im Alltag. Viele wissen gar nicht über ihre Rechte Bescheid, wie sie sich bei Angriffen zu verhalten haben und wo sie Hilfe erhalten. Aber auch die finanzielle Stärkung durch nachhaltige Projekte ist von grosser Bedeutung. Mit der Partnerin und Juristin Aashima planen wir in den drei Staaten folgende Hilfe, mit dem Hauptfokus: Christliche Gemeinschaften stärken, damit sie in schwierigen Zeiten besser bestehen können (siehe Kasten).

Beeindruckende Haltung

Bei den Begegnungen mit den Christen gab es auch beeindruckende Momente. Besonders, wenn sie uns mutig versicherten, dass sie trotz allem weiterhin über Gottes Liebe erzählen wollen. Diese Liebe, die ihr Leben verändert und ihnen neuen tiefen Lebenssinn geschenkt habe, wollten sie nie aufhören weiterzugeben. Diesen Christen zu begegnen und zu erleben, wie mutig sie in aller Schwierigkeit sind, hat uns tief berührt. Eine Frau meinte: «Sie können uns alles wegnehmen, aber niemals unseren Glauben und die Liebe Gottes zu uns».

Inés Wertgen, Projektleiterin Indien

 


 

k CSI leistet Hilfe

  •  Seminare für Pastoren über Rechte und Verhaltensweisen bei Gefahr und konfliktbeladenen Situationen
  • Gründung von Pastoren-Netzwerken, für gegenseitige Unterstützung und Warnsystem
  • Orientierung über gesetzliche Grundlagen für die Führung eines Kinderheimes
  • Erste und medizinische Hilfe bei Angriffen auf Opfer
  • Finanzielle Stärkung mit nachhaltigen Hilfsprojekten

 

 

p Pastor Digal und seine Familie haben sich trotz Angst und Unsicherheit entschlossen, als Nachfolger von Pastor Gideon die Gottesdienste weiterzuführen

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Projekt Indien