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Neue Erkenntnisse zur Anklage von Asia Bibi

29. Oktober 2015

In ihrem zweiten Buch über Asia Bibi deckt Anne-Isabelle Tollet neue Erkenntnisse auf, die zur Anklage führten. Mehr denn je kämpft die französische Autorin gegen das Blasphemiegesetz in Pakistan.



Unter dem Titel «La mort n‘est pas une solution (Der Tod ist keine Lösung)» hat Anne-Isabelle Tollet ihr zweites Buch zur Tragödie rund um Asia Bibi herausgegeben. Die pakistanische Christin wurde wegen Blasphemie zum Tode verurteilt, weil sie bei einer Diskussion mit muslimischen Landarbeiterinnen den Prophet Mohammed beleidigt haben soll, was Asia Bibi bis heute vehement verneint.

Zeitungsbericht ist der Auslöser

Das neue Buch enthält viele autobiographische Züge von Anne-Isabelle Tollet, über ihr Leben in Pakistan. Am 8. November 2010 stolpert die Autorin vor dem Schliessen der Zeitung zufällig über eine Kurznachricht, die Asia Bibis Verurteilung zum Tode bekanntgibt. Diese schreckliche Nachricht lässt sie nicht mehr los. Seither kämpft die französische Journalistin unentwegt für Aisa Bibis Freilassung. Eine wichtige Hilfe ist ihr dabei Shahbaz Bhatti, der Minister für Minderheiten, der sie mit Asia Bibis Familie vertraut macht. Doch Bhatti selbst wird am 2. März 2011 wegen seines Einsatzes für die Angeklagte ermordet.

Für Anne-Isabelle Tollet bricht dadurch eine Welt zusammen. Doch sie gibt nicht auf und versucht, sich direkten Zugang zu Asia Bibi im Gefängnis zu verschaffen, was ihr misslingt. Dank ihrem Kontakt zu Ashiq, der seine angebliche Ehefrau regelmässig besucht, kommt die Autorin an die Informationen über Asia Bibis Leben im Gefängnis heran.

Noch bevor ihr erstes Buch über Asia Bibi erscheint, verlässt Anne-Isabelle Tollet im Mai 2011 Pakistan, auch aus Sicherheitsgründen. Zurück in Paris hält sie den Kontakt zu Asia Bibis Familie aufrecht.

Pervertierte Verbündung

Eine Einladung für Ashiq zum internationalen Kongress für Menschenrechte und Demokratie vom 24. Februar 2015 in Genf bringt eine neue Version rund um Aisa Bibis Anklage ans Licht: Tollet erklärt Joseph, dem Unterstützer von Ashiqs Familie, dass fürs Einreisevisum in die Schweiz eine Kopie des Ehescheins erforderlich sei. Nach zunächst ausweichenden Bemerkungen gesteht Joseph jedoch, dass Asia mit Ashiq gar nicht verheiratet sei. «Ich fiel aus allen Wolken», so die Autorin, die nach mehrmaligem Nachhaken die neuen Hintergründe zur Blasphemie-Anklage erfährt und das dahintersteckende Eifersuchtsdrama wie eine Shakespeare-Tragödie in fünf Akten zusammenfasst: 

  1.  Ashiqs und Yasmines Hochzeit wurde arrangiert. Gemeinsam haben sie drei Kinder.
  2. Zehn Jahre später begegnen sich Ashiq und Asia auf einer Verlobungsfeier. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Ashiq will sich scheiden lassen, Yasmine lehnt ab.
  3. Hoffnungslos verliebt, geht Asia auf Ashiqs Vorschlag ein, zusammen mit ihm und seiner Frau unter einem Dach zu leben. Doch dieser Dreierhaushalt macht Yasmine rasend vor Eifersucht.
  4. Es ist Asia, die von Ashiq ständig bevorzugt wird. Zusammen haben sie zwei Kinder. Yasmines Eifersucht reisst nicht ab.
  5. Asia wird wegen Blasphemie ins Gefängnis geworfen. Yasmine zieht deren Kinder auf, behandelt sie jedoch sehr grob und gemein.

Schliesslich bezeugen Ashiq und Joseph – obschon sie es nicht beweisen können – dass die Christin Yasmine mit den muslimischen Landarbeiterinnen einen Komplott geschmiedet hatte, um Asia wegen Blasphemie am Tag der Ernte anzuklagen. An den vorangehenden Tagen hatte sich Yasmine häufig mit der Muslimin Mafia getroffen. Diese hatte den Streit um das Glas Wasser mit Asia angezettelt. Tollet bezeichnet die Verschwörung von Yasmine und Mafia als «perverse Koalition».

Kämpferischer denn je

Trotz der Ernüchterung, der Enttäuschung über Ashiqs Lügen und der vorübergehenden Angst, dass ihre eigene Glaubwürdigkeit als Journalistin nun in Frage gestellt sei, kämpft Anne-Isabelle Tollet ununterbrochen weiter für Asia Bibis Freiheit, und zwar mehr denn je. Denn die wahren Hintergründe über die Anklage würden aufzeigen, wie sehr Pakistans Blasphemie-Gesetz für persönliche Streitigkeiten und Rachefeldzügen missbraucht würde. Jeder Mensch in Pakistan, ob Christ oder Muslim, könne gleichsam Opfer dieses Gesetzes werden. Das ganze Land werde durch das Blasphemie-Gesetz unterdrückt. Doch «Indem wir Asia Bibi retten, werden wir hunderte von Menschen in derselben Situation retten», ist Tollet überzeugt.

Sollte die seit über sechs Jahren gefangene Frau eines Tages tatsächlich freigelassen werden, so akzeptiert Yasmine heute, dass ihr Ehemann Ashiq zusammen mit Asia und ihren zwei Töchtern nach Europa flieht. Sie weiss, dass Asia Bibi wegen Todesgefahr nicht in Pakistan bleiben könnte.

Reto Baliarda

 

Weiterer Bericht:
Todesstrafe gegen Asia Bibi suspendiert

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