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Neues Leben nach 13-jähriger Gefangenschaft

23. Dezember 2015

Abuk Alieu Yom war noch ein kleines Kind, als sie von Milizen entführt wurde. Ihr Sklavenhalter misshandelte sie aufs Übelste und hätte sie nach 13 Jahren um ein Haar nicht ziehen lassen.



«Ich stamme aus Adieng (gehört heute zum Bundesstaat Warrap). An meine Entführung kann ich mich noch genau erinnern, obwohl ich damals mit zehn Jahren noch sehr jung war. Ich besuchte mit meiner Familie einen Markt nahe der Stadt Aweil. Plötzlich wurden wir von arabischen Milizen überfallen. Meine Familie rannte in die eine Richtung, ich in die andere. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen.

Ich weinte – sie schlugen mich

Als Kind hatte ich keine Chance zu entkommen. Die Reitermilizen packten mich und zwängten mich auf ein Pferd, zusammen mit Garang, einem anderen Dinka. Wir zwei wurden von fünf Arabern, die dabei waren, ständig bewacht. Jedes Mal, wenn wir weinen mussten, schlugen sie auf uns ein. Höhnisch fragten sie uns dann, warum wir denn weinten.

Brutaler Sklavenhalter

Der Marsch dauerte so lange, bis sie Garang und mich an Abdullah verkauften. Dieser Sklavenhalter lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Meiram. Ich wurde gezwungen, von morgens früh bis spätabends zu arbeiten, zu kochen und zu waschen. Zudem war Abdullah sehr brutal und gemein zu mir. Er erniedrigte und verprügelte mich die ganze Zeit. Wahrscheinlich verhielt er sich mir gegenüber deshalb so rücksichtslos, weil ich nicht sein Kind war. Denn die eigenen Kinder schlug er nicht.

Auch Abdullahs Sohn und Tochter behandelten mich grob. Zwar waren sie nicht ganz so schlimm wie er. Doch selbst von ihnen musste ich Prügel einstecken. Die Narben an meinen Beinen stammen von den Verletzungen, die sie mir zufügten.

In seinem Haus duldete mein Sklavenhalter keinen Dinka-Namen. Deshalb nannte er mich fortan «Hawa». Häufig sprach er mich jedoch bloss mit «Abd (Sklavin)» an oder beleidigte mich mit dem rassistischen Schimpfwort «Jengai» (Neger). Während er mich mit herabsetzenden Ausdrücken verspottete, musste ich ihn «Vater» nennen. Weigerte ich mich, so schlug er mich fürchterlich zusammen.

Tochter und Sklavin beschnitten

Manchmal zwang mich Abdullah, wie ein Muslim zu beten, obwohl er mich nie in die Moschee mitnahm. Nur seine eigenen Kinder durften mit. Doch wenn er dann jeweils zurückkam, forderte er mich auf, neben ihm zu beten. Vom Beschneidungsritual blieb ich nicht verschont. Zur selben Zeit, als seine Tochter beschnitten wurde, musste auch ich diese Tortur über mich ergehen lassen.

Ramadan war sehr schlimm

Den Ramadan habe ich als sehr schlimme Zeit in Erinnerung. Ich hatte mir immer wieder gewünscht, dass es diesen Fastenmonat nicht geben würde. Denn während ich dann jeweils für die Kinder kochen musste, erhielt ich ebenso wenig etwas davon wie Abdullah und seine Frau. Ich schmuggelte Essen immer dann für mich ins Haus, wenn er abwesend war.

Befreiung mit Nebengeräuschen

Häufig ging mir der Gedanke durch den Kopf, zu fliehen. Doch ich wusste, dass ich alleine den Weg nach Hause nicht finden würde. So gab es keinen Ausweg.
Als ich eines Tages im Dorf war, traf ich einen Sklavenbefreier. Er erklärte mir, dass der Krieg zwischen dem Sudan und dem Südsudan vorbei sei. Zusammen mit ihm ging ich zurück zu Abdullahs Haus. Er bat mich jedoch, unmittelbar vor dem Haus zu warten. Aus der Distanz sah ich, wie er mit Abdullah sprach.

Als er danach auf mich zukam, sagte er, dass wir zusammen in den Südsudan gehen würden. Abdullah liess jedoch noch nicht ganz locker und fragte mich, ob ich ihn denn überhaupt verlassen wolle. Eingeschüchtert, brachte ich ein knappes Ja heraus. Darauf wurde er zornig und fuhr mich an, was ich denn gegen ihn hätte. Ich schwieg. Denn ich hatte Angst, dass er womöglich noch seine Meinung ändern und mich nicht ziehen lassen würde.

Auf dem Rückweg behandelte mich mein Befreier sehr freundlich. Und als ich zuhause in «Dinkaland» ankam, spürte ich eine grosse Freude in mir. Plötzlich fühlte ich mich frei. Ich wusste: ‹Nun kann ich aus freien Stücken eine Arbeit suchen. Niemand wird mich dazu zwingen.›

Wieder in der Kirche

Ich bin auch überglücklich, dass ich wieder zur Kirche gehen kann. Ich hatte schon als Kind die katholische Kirche besucht. Ich machte sogar bei den «Hallelujah Dancers» mit. Ich habe die Kirche immer gemocht, weil uns der Pfarrer von Jesus erzählte. Während meiner Gefangenschaft im Sudan war Jesus nie zur Sprache gekommen. Das hatte ich sehr vermisst.

Ich bin so dankbar, dass ihr mich von der Sklaverei befreit habt. Vielen Dank auch fürs Überlebenspaket und die Ziege. Mit dieser Unterstützung habe ich eine Zukunft.»

Reto Baliarda


20 Jahre Sklavenbefreiung

Im Jahre 1995 gelang es CSI, die ersten Sklaven im Sudan zu befreien. Auch 20 Jahre später gehört die Befreiung von Sklaven im Sudan sowie deren Rückführung in den Südsudan zu den Kernaufgaben der Organisation. CSI konnte bis heute über 100 000 ehemalige Sklaven befreien. Die Arbeit ist aber noch lange nicht zu Ende.

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