Pastor erschossen

18. Juli 2017

Im nördlichen Staat Punjab wurde am 15. Juli Pastor Sultan Masih von Hinduextremisten auf offener Strasse erschossen. Die Familie und Gemeindemitglieder stehen unter Schock.



Die Lage für Minderheiten in Indien hat sich stark zugespitzt, seitdem der amtierende Premierminister, Narendra Modi, an der Macht ist (Mai 2014). Die Anzahl Übergriffe auf nicht-hinduistische Minderheiten hat stark zugenommen und in vielen Teilen Indiens eine Atmosphäre der Gewalt und Angst verbreitet.

Bis vor kurzem kaum Anspannungen

Bis anhin war der Staat Punjab vergleichsweise wenig von Angriffen betroffen. Besonders im Gebiet des Dorfes Ludhiana, in dem Pastor Masih (50) umgebracht wurde, waren bis kurz vor dem Ereignis keine Anspannungen zu spüren. Umso erstaunlicher ist es, dass gerade dort ein solch kaltblütiger Mord stattfand, zumal die Familie von Pastor Masih im Dorf sehr beliebt war. «Mein Bruder war ein Mann, der Frieden mit allen hatte, er war ein beliebter Mann, sowohl bei Christen wie auch bei den Hindus», so sein Bruder Raj Kamal Masih. «Wir leben seit über 20 Jahren in diesem Dorf und haben keine Probleme mit den Leuten. Ich bin zutiefst schockiert und traurig».

Die einzigen Anzeichen von Spannungen ergaben sich, als die Gemeinde von Pastor Masih im Mai ihr 25-jähriges Bestehen feiern wollte. Mitglieder der RSS (hinduextremistische Freiheitskorps) wollten die Feiern behindern und setzten Pastor Masih unter grossen Druck. Er liess sich jedoch nicht davon abbringen, die offiziell erlaubte Feier durchzuführen.

Pastor auf die Strasse gelockt?

Am 15. Juli, als Pastor Masih am Abend noch einiges in seiner Kirche erledigte, bekam er einen Telefonanruf und ging auf die Strasse, um dort besseren Empfang zu haben. Während er noch telefonierte, fuhren zwei junge Männer auf dem Motorrad vorbei und trafen ihn mit drei Schüssen am Kopf, im Nacken und in der Brust. Der Verdacht liegt nahe, dass Pastor Masih gezielt auf die Strasse gelockt wurde. Er erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen. Die Familie, Angehörige und viele Dorfbewohner sind über die brutale Tat zutiefst traurig und schockiert.

Die Polizei hat versichert, an den Ermittlungen auf Hochtouren zu arbeiten. Wie effizient und genau dies wirklich getan wird, ist jedoch fraglich. Mittlerweile haben in Ludhiana einige Demonstrationen stattgefunden, die die Aufklärung des Mordfalls und die Festnahme der Täter fordern.

Zunehmende Diskriminierung von Minderheiten

Seit Premierminister Narendra Modi im Mai 2014 an der Macht ist, hat sich die Lage für Minderheiten zugespitzt. Es gibt immer lautere Stimmen, die ein rein hinduistisches Indien proklamieren. Die hinduistische Infiltration geschieht einerseits auf subtile Art und Weise, indem verschiedene gesellschaftliche Bereiche der Gesellschaft beeinflusst werden. Davon betroffen sind besonders der gesamte Sicherheitsapparat, die legislative Gewalt, Behörden und Medien landesweit sowie Universitäten und Schulen. Zusätzlich werden besonders in ländlichen Gebieten kleinere Gruppen angestachelt, gegen alle Nicht-Hindus vorzugehen. Das geschieht zum einen mit Diskriminierung im Alltag: Kinder dürfen keine öffentliche Schule besuchen; Nicht-Hindus erhalten keinen Job und ihnen werden auch keine Lebensmittel verkauft; sie dürfen kein Wasser an öffentlichen Brunnen holen. Besonders belastend ist die omnipräsente Angst vor Angriffen.

Inés Wertgen, Projektleiterin Indien

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