Religiöse Verfolgung wird oft nicht geahndet oder gar geleugnet

26. Februar 2019

In Sri Lanka werden Christen und Muslime zunehmend Opfer von religiöser Verfolgung. Verantwortlich dafür sind vor allem extremistische Buddhisten und Politiker, die sich Stimmen der buddhistischen Mehrheit erhoffen. Im Interview erklärt Anwältin Esther, wie sich Opfer verhalten können.



CSI: Anwältin Esther*, Sie dokumentieren Übergriffe auf Christen. Von welchen Zahlen sprechen wir?

Anwältin Esther: Im letzten Jahr fanden nach unseren Recherchen 86 Übergriffe statt. 2017 registrierten wir rund hundert Vorfälle (96), seit 2015 sind es knapp 300 (297). Wenn man bedenkt, dass in Sri Lanka nur etwa ein Prozent der Bevölkerung, also 400 000 Menschen, Christen sind, sind diese Zahlen bedenklich hoch.

Um welche Art von Angriffen geht es?

2017 waren die meisten Übergriffe gewalttätiger Natur. Nicht selten trugen die Opfer schwere Verletzungen davon und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Besonders schlimm sind die seelischen Folgen, welche die Opfer bei einem solchen Angriff erleiden.

2018 kamen vor allem Drohungen und Diskriminierungen hinzu. Typische Arten von Diskriminierung sind das Abschneiden der Wasser- oder Stromversorgung oder gar der Ausschluss aus einer Dorfgemeinschaft. Oft dürfen Christen in bestimmten Läden nicht einkaufen oder werden gehindert, die öffentlichen Transportmittel zu benützen. Ferner kommt es vor, dass christlichen Kindern der Besuch einer staatlichen Schule verwehrt wird.

Welche Gruppierungen sind hauptsächlich für die Angriffe verantwortlich?

Religiös motivierte Übergriffe tragen häufig die Handschrift von radikalen buddhistischen Gruppierungen, die sehr oft von Mönchen angeführt und angestachelt werden.

Leider werden die Täter zuweilen auch von Politikern unterstützt. Manche Politiker neigen dazu, Vorfälle zu beschönigen, um sich bei der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung beliebt zu machen und daraus politisches Kapital zu schlagen. So macht vielfach die Behauptung die Runde, dass die Minderheiten Sri Lanka übernehmen würden. Das ist absurd: 70 Prozent aller Bewohner Sri Lankas sind Buddhisten. Doch das genügt extremistischen Buddhisten nicht. Vielerorts herrscht die Auffassung: «Wir Singhalesen (meist Buddhisten) haben den Krieg gegen die Tamilen gewonnen. Nun kämpfen wir für ein rein buddhistisches Land.»

Wie werden Minderheiten sonst noch drangsaliert?

Sie werden auch von den Behörden an den Rand gedrängt. Lokale Politiker berufen sich dabei auf ein Rundschreiben von 2008, in dem vor allem der Bau von neuen Kirchen verhindert werden soll. Wir kämpfen gegen dieses Rundschreiben, da es illegal ist. Restriktionen gibt es aber auch bei der Durchführung der Gottesdienste, besonders in den ländlichen Gebieten.

Gerade in Dörfern werden Christen auch bei privaten Neubauten diskriminiert. Einem Pastor, der ein Haus bauen wollte, wurde der Wasseranschluss verweigert. Dank unserer Intervention wurde der Anschluss – mit der Finanzierung von CSI – dann doch eingerichtet.

In welchen Regionen Sri Lankas werden Christen besonders bedrängt?

Prekär ist die Lage vor allem im Osten des Landes. Doch abgesehen von der Hauptstadt Colombo kommt es praktisch überall zu Übergriffen.

Also auch im Norden, wo vor allem die tamilische Minderheit lebt?

Ja, auch dort. Die meisten Tamilen sind Hindus, etwa 13 Prozent von Sri Lankas Bevölkerung. Sie gehen zusehends auf Minderheiten, im Besonderen auf Christen, los. Vor dem Bürgerkrieg lebten Hindus und Christen friedlich miteinander. Unter dem Einfluss Indiens werden die Hindus in Sri Lanka zunehmend radikalisiert.

Wie steht es um das Verhältnis zwischen Hindus und der buddhistischen Mehrheit?

Solange es um die Religion geht, verstehen sie sich gut. Problematischer wird es, wenn ethnische Aspekte eine Rolle spielen. Das Verhältnis zwischen Tamilen (meist Hindus) und Singhalesen (meist Buddhisten) hat sich seit Ende des Kriegs von 2009 leider an vielen Orten nicht entspannt.

Bisher haben wir vor allem von Christen als Opfern gesprochen. Wie sieht es mit den Muslimen aus?

Muslime machen etwa acht Prozent unserer Bevölkerung aus. Nicht zuletzt wegen ihrer grösseren Anzahl sind sie auch einflussreicher als die Christen. Doch sie sind ebenso Opfer von religiös bedingten Attacken. Wie die Christen versuchen sie, eine Konfrontation mit friedlichen Mitteln zu lösen und nicht zurückzuschlagen.

Gibt es Unterschiede zwischen Übergriffen auf Muslime und Christen?

Christen werden in Sri Lanka seit rund 20 Jahren bedrängt, Muslime erst seit 2012. Muslime sind häufig tüchtige Geschäftsleute, weshalb bei einem Übergriff vielfach auch ihre Geschäfte in Mitleidenschaft gezogen werden. Sie leben meistens in muslimischen Wohngebieten, während Christen verstreut sind. Es gibt keine wirklich christlichen Wohngebiete.

Als Anwältin unterstützen Sie Christen, die gefährdet sind oder Opfer von religiösen Angriffen wurden. Können Sie Ihre Hilfe kurz umschreiben?

Wir führen regelmässig Seminare durch, um das rechtliche Bewusstsein von verletzlichen Christen zu stärken. Sie werden angeleitet, wie sie religiöse Verfolgung möglichst abwenden können. Gerade ehemaligen Buddhisten, die neu zum christlichen Glauben gekommen sind, empfehlen wir Zurückhaltung.

Bei einer Drohung oder einem Übergriff sollte das Opfer auf jeden Fall die Polizei einschalten und Anzeige erstatten – auch wenn bei uns die Straflosigkeit gegenüber religiös motivierten Tätern weit verbreitet ist. Straflosigkeit ist unhaltbar und wir setzen uns dagegen ein. Wir empfehlen immer, Anzeige zu erstatten und helfen dabei. Ein solcher Schritt erfordert Mut, aber er lohnt sich: Wenn man konsequent rechtliche Schritte unternimmt, lassen die Täter mit der Zeit von einem Opfer ab.

Uns ist es auch wichtig, mit Führungspersönlichkeiten von anderen Religionen zu arbeiten, um zusammen die Ausbreitung des Extremismus zu verhindern.

Sie helfen – mit Unterstützung von CSI und anderen – auch ganz praktisch.

Ja, wir bieten materielle und medizinische Hilfe für Opfer von religiöser Gewalt. Bei schwerwiegenden Verletzungen übernehmen wir auch die Spitalkosten. Vertriebenen gewähren wir nach Möglichkeit Unterschlupf. Zudem beteiligen wir uns am Wiederaufbau von Häusern, die von religiösen Fanatikern zerstört wurden.

Wie stehen ranghohe Politiker zur Lage der Minderheiten in Sri Lanka?

Sie streiten generell ab, dass es bei uns religiös motivierte Verfolgung überhaupt gibt. Sri Lanka ist ein Land mit einer Schamkultur, das die Verbreitung negativer Meldungen zu verhindern versucht.

Reto Baliarda

 

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