Schon über 540 Kindersklaven befreit

22. Oktober 2018

Als Kindersklavin misshandelt und missbraucht: Dipal ist eines von 540 Kindern 
in Indien, die dank CSI aus den Fängen der Menschenhändler befreit wurden. 
CSI möchte mehr befreiten Kindern auch ein sicheres Zuhause bieten: Anfang 2019 soll ein neues Schutzhaus eröffnet werden.



Das Leid und die Qualen, die sie in der Gefangenschaft ertragen musste, stehen Dipal* immer noch ins Gesicht geschrieben. Sie ist schüchtern, ihr Blick ängstlich, als ihr Projektleiterin Inés Wertgen und die einheimische CSI-Partnerin, Juristin Aashima, begegnen. Dipal, die erst vor kurzem den erbarmungslosen Fängen des Menschenhandels entrinnen konnte, fällt es sichtlich schwer, über ihre grauenhaften Erlebnisse zu sprechen.

Das heute neunjährige Mädchen verlor seine Mutter bei der Geburt. Der Vater kümmerte sich nicht um sie. Von Anfang an litt es unter Mangelernährung, Vernachlässigung und Lieblosigkeit. Als Dipal drei Jahre alt war, verliess der Vater das Haus, heiratete erneut und übergab das kleine Mädchen der Schwester seiner verstorbenen Frau.

Wehrlos dem Menschen­handel ausgeliefert

Dipals Tante ist eine liebenswürdige Frau. Doch sie konnte sich nicht richtig um ihre Nichte kümmern. Sie hatte selbst eine eigene Familie und grosse Schwierigkeiten, diese über Wasser zu halten. Deshalb war sie tagsüber ausser Haus, um Geld zu verdienen. Wieder war Dipal einsam und schutzlos. Eines Tages verschwand das Mädchen spurlos. Wie sich später herausstellte, hatte ein älterer Verwandter Dipal an eine Familie in einer Grossstadt im indischen Gliedstaat Jharkhand verkauft.

Im zarten Alter von sieben Jahren musste sie täglich 12 bis 14 Stunden strengste Arbeit im Haushalt verrichten. «Ich bekam viel zu wenig zu essen. Mit hungrigem Magen musste ich auf dem Küchenboden schlafen», erinnert sich Dipal. Regelmässig wurde das wehrlose Mädchen von ihrem Hausherrn sexuell missbraucht. Dipal hatte keine Chance zu entfliehen und durfte während der ganzen Zeit kein einziges Mal das Haus verlassen. Besonders brutal und entwürdigend war auch, dass ihr mit einer brennenden Zigarette schmerzhafte Wunden zugefügt wurden.

Der Alptraum dauerte über zwei Jahre an. Wie durch ein Wunder kam sie eines Tages an das Handy ihrer Hausherrin heran. «So konnte ich endlich mit meiner Tante Kontakt aufnehmen und sie um Hilfe bitten.»

Endlich befreit!

Tränen der Erleichterung brachen beim Anruf auf beiden Seiten aus. Die Tante war nämlich völlig verzweifelt gewesen und hatte sich bittere Vorwürfe gemacht, als sie vom Verschwinden ihrer Nichte erfahren hatte. Als sie sich völlig verzweifelt abermals an die Polizei wandte, erhielt sie keine Hilfe.

Die Tante gab nicht auf. Sie besuchte eine Veranstaltung des CSI-Partnerteams, bei der über die Gefahren des Menschenhandels und Rettungsmöglichkeiten informiert wurde. Als die verzweifelte Dipal sie nach zwei Jahren telefonisch über ihren Aufenthaltsort benachrichtigen konnte, meldete sich die Tante sofort beim Team. Zusammen mit vertrauenswürdigen Polizisten, die eng mit den CSI-Partnern zusammenarbeiten, konnte Dipal gerettet werden.

Zu wenig sichere Plätze

Nach Möglichkeit kehrt ein befreites Kind zu seiner Familie zurück, sofern es dort sicher und geschützt ist. Dies ist leider längst nicht immer der Fall. Auch für Dipal musste eine andere Lösung gefunden werden. Doch glücklicherweise konnte CSI ihr nach der Befreiung einen sicheren Unterschlupf ermöglichen, wo sie liebevoll betreut wird und in die Schule gehen kann. Doch seit Beginn des Engagements für Opfer des Menschenhandels von 2013 wird CSI immer wieder mit der Situation konfrontiert, dass voller Freude ein Kind gerettet wird, aber nur beschwerlich ein sicherer Rehabilitationsplatz gefunden werden kann.

Bestehende Kinderheime sind mit der Betreuung von ehemaligen Kindersklaven oft überfordert. Überdies besteht die Gefahr, dass die Kinder aus den Heimen geholt und erneut verkauft werden. Kommt dazu, dass bei vielen Rehabilitationszentren die Sicherheit nicht gewährleistet ist.

Ein eigenes Schutzhaus

So wuchs der Gedanke, ein eigenes Schutzhaus zu bauen, in dem entsprechend geschultes Personal die Kinder umsorgt und wo die ehemaligen Kindersklaven Schutz, gute Ernährung und Ausbildungsmöglichkeiten erhalten. Nach fast zweijähriger Suche fanden unsere Partner vor Ort ein geeignetes Stück Land. Nun kommen die Bauarbeiten langsam zum Abschluss. «Ich hatte grosse Freude, als ich den Bau anfangs September 2018 besichtigen konnte», berichtet Projektleiterin Inés Wertgen.

Insgesamt werden 36 ehemalige Kindersklaven in einer sicheren Umgebung neuen Lebensmut finden können.

Inés Wertgen, Projektleiterin

 


 

Neues Leben für über 500 Kinder

Seit 2013 setzt sich CSI beharrlich dafür ein, dass Kindersklaven befreit werden und an einem sicheren Ort eine neue Perspektive erhalten. Bis heute konnten über 540 minderjährige Opfer aus den Fängen der Menschenhändler befreit werden. Gegenwärtig sind rund 90 durch CSI befreite Kinder in einem Rehabilitationszentrum untergebracht. Total wurden mehr als 500 gerettete Kindersklaven im Auftrag von CSI an einem sicheren Ort betreut.

Wichtig sind aber auch die Aufklärungskampagnen, um Kindsentführungen vorzubeugen oder nach einer Entführung die richtigen Anlaufstellen zu kontaktieren. CSI hat bislang über 500 entsprechende Info-Anlässe durchgeführt. Im Weiteren gibt es über 280 Selbsthilfegruppen, die für die Aufklärungsarbeit und die gegenseitige Unterstützung besonders bedeutsam sind. Ebenso wichtig sind die Lern- und Gemeinschaftszentren, in denen gefährdete Kinder lesen und schreiben lernen und auf die Gefahren des Menschenhandels hingewiesen werden.

Bis heute konnten über 6500 Menschen durch die Präventionsarbeit erreicht werden.

 

Mit einer Spende helfen Sie uns bei der Befreiung von Kindersklaven.

 

Weitere Berichte

Befreit nach drei Jahren Gefangenschaft

Über 100 Selbsthilfegruppen gegen Menschenhandel

 

Ihr Kommentar zum Artikel

Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.

Projekt Indien