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Selbsthilfegruppen unterstützen den Kampf gegen Menschenhandel

09. Oktober 2015

In den ländlichen Gegenden Indiens ist bittere Armut eine der Ursachen dafür, dass Kinder zu leichter Beute für Menschenhändler werden. Lokale Selbsthilfegruppen leisten in diesem Bereich einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung.



Die heute 15-jährige Lani* hat schwere Zeiten hinter sich. Sie stammt aus einer bitterarmen Familie. Der Vater starb, als Lani noch sehr klein war. So musste die Mutter als Tagelöhnerin arbeiten, um sich und die drei Kinder durchzubringen. Täglich ging sie in die Stadt, in der Hoffnung, für ein paar Rupien arbeiten zu können. Trotzdem litt die Familie Hunger. Eine Bekannte der Familie wusste um die missliche Lage und bot der Mutter einen Job für die damals 12-jährige Lani in Goa an. Die Mutter war von Herzen dankbar. Sie vertraute auf die guten Absichten der Bekannten. Doch sie hatte keine Ahnung, wie der Alltag von Lani von nun an aussehen sollte. 

Als Haushaltssklavin ausgebeutet

Lani berichtet: «Ich musste im Haushalt von Leuten in der Stadt arbeiten. Die Arbeitstage waren unendlich lang. Mindestens zwölf Stunden pro Tag musste ich ununterbrochen schuften, sogar wenn ich sehr krank war. Wann immer ich etwas falsch machte, bestrafte man mich. Schläge und sexueller Missbrauch gehörten zum Alltag. Ich bekam kaum zu essen, bin wirklich fast gestorben. Lohn wurde mir nie bezahlt. Das bekam alles mein Vermittler.» Der «Vermittler» war Teil eines Menschenhändlerrings, der Kinder in seine Gewalt bringt und sie als Haushaltssklaven an wohlhabende Familien vermietet. Die Bekannte hatte Lani als geeignetes Opfer erkannt, nach Goa gebracht und den Menschenhändlern zugeführt.

Wiederkehrende Schemen

«Das ist ein typisches Schema», so eine freiwillige Mitarbeiterin im CSI-Netzwerk gegen Menschenhandel im Bundesstaat Jharkhand. «Wir begegnen immer wieder Frauen, die erzählen, dass ihre Kinder oder Kinder aus ihrem Umkreis spurlos verschwinden. Dabei wiederholen sich vor allem folgende Schemen:

  • Kinder werden entführt.
  • Eltern vertrauen ihre Kinder Bekannten oder Verwandten an, die den Kindern eine gute Arbeit in einer Grossstadt in Aussicht stellen.
  • Die Eltern selbst verkaufen ihre Kinder und kümmern sich dabei nicht darum, was mit ihnen schlussendlich geschieht.

Wachsende Zahl von Selbsthilfegruppen
Das Bedürfnis, über solche Themen zu sprechen, ist sehr gross. Aus diesem Grund hat unser Team vor Ort damit begonnen, lokale Selbsthilfegruppen aufzubauen. Unter der Leitung einer geschulten Freiwilligen treffen sich dort wöchentlich zwischen 10 und 20 Frauen. In den Gruppen wird über die Praktiken von Menschenhändlern gesprochen und über Möglichkeiten, sich und andere zu schützen

Viele der Teilnehmerinnen sind mit ihren Problemen völlig überfordert, da sie oft Analphabeten sind, keine Bildung haben und kein Geld besitzen. Hinzu kommt, dass die Behörden und Polizisten oft nicht eingreifen und helfen, wenn Leute der untersten Kasten betroffen sind. Deshalb ist es so wichtig, dass unsere Teams vor Ort unter der Bevölkerung bekannt werden. Unsere Mitarbeiter werden mittlerweile von den Behörden und der Polizei sehr respektiert und unterstützt. Nicht zuletzt, weil sie wissen, dass eine internationale Organisation hinter ihnen steht.

Armut im Kleinen bekämpfen

Insbesondere wird versucht, Eltern zu helfen, die aufgrund ihrer Armut der Versuchung ausgesetzt sind, ihre Kinder Fremden anzuvertrauen oder sie gar zu verkaufen. Um den Betroffenen eine wirtschaftliche Perspektive zu eröffnen, wird ein Kleinprogramm mit Mikrokrediten betrieben. Bei jeder Zusammenkunft zahlt jede Frau einen winzigen, aber doch elementaren Beitrag in eine gemeinsame Kasse. So füllt sich diese Kasse Woche für Woche.

Ist ein gewisser Betrag erreicht, wird dieser einer der Frauen als zinsloses Darlehen ausgehändigt. Damit kann sie ein kleines Unternehmen eröffnen, sei es ein Nähatelier, eine kleine Viehzucht, ein kleiner Kiosk, etc. Somit kann Familie um Familie ihre eigene kleine Existenz aufbauen. Das Risiko, dass diese Familien ihre Kinder aus finanziellen Nöten weggeben, wird dadurch deutlich reduziert.

Dank Selbsthilfegruppe befreit

Im April hörte Lanis Mutter von einer solchen Selbsthilfegruppe und begann, regelmässig dorthin zu gehen. Als man auf das Thema des Menschenhandels zu sprechen kam, erzählte sie voller Sorge die Geschichte ihrer Tochter. Die Leiterin der Gruppe setzte sich sogleich mit unserem Team vor Ort in Verbindung, das wiederum sein Netzwerk in Gang setzte. Ver­trauenswürdige Polizisten nahmen den Kontakt mit der sogenannten «Bekannten» der Familie auf. Unter viel Druck und Drohungen gab die Frau langsam die verschiedenen Namen des Menschenhändlerrings bekannt.


Am 13. Mai dieses Jahres konnte Lani nach zwei langen Jahren endlich befreit und die Mitglieder des Rings festgenommen werden. Die Mutter bedankte sich zutiefst bei der Rettungsgruppe und meinte: «Ohne diese Selbsthilfegruppe und das Rettungsnetzwerk hätte ich meine Tochter wohl nie wieder gesehen.»

Lani ist nun wieder bei ihrer Mutter zu Hause. Sie wird aber von unseren Mitarbeitern psychologisch betreut. Sie braucht viel Liebe und gute Betreuung. Ihre Mutter nimmt weiterhin an den Treffen teil und motiviert auch andere Frauen, an solchen Zusammenkünften teilzunehmen. Sie möchte für andere Eltern eine Hilfe sein, die Ähnliches wie sie erleben und dringend Unterstützung brauchen.

Mittlerweile sind es 18 Selbsthilfegruppen, die in den letzten Monaten um Ranchi (Hauptstadt des Staats Jharkhand) entstanden sind. Pro Gruppe kommen zwischen 10 und 20 Frauen zusammen, die sich wöchentlich treffen.

Viele der Fälle kamen dank den Selbsthilfegruppen ans Tageslicht. Die jungen Menschen werden meistens wie Sklaven in Fabriken oder Haushalten gehalten. Die Mädchen landen oftmals in der Sexindustrie. Tägliche Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden sind an der Tagesordnung. Die Opfer bekommen häufig nur eine Mahlzeit pro Tag und leben unter widrigsten hygienischen Bedingungen. Ihre Gesundheit ist oft in einem erbärmlichen Zustand.

In Zusammenarbeit mit unseren Teams vor Ort konnten schon einige Kinder gerettet werden. Diese Selbsthilfegruppen spielen dabei eine wichtige Rolle. In den nächsten Jahren werden wir weiterhin den Aufbau von Selbsthilfegruppen fördern.

Inés Wertgen, Projektleiterin Indien

*Namen aus Sicherheitsgründen geändert

Mehr zum Kampf von CSI gegen den Menschenhandel in Indien


CSI-Projekte in Indien

Nachhaltige Entwicklungshilfe für Benachteiligte
Staat Odisha, Rev. Pran Parichha
Agrarprojekt für Familien und Dorfgemeinschaften
Ausbildung in Landwirtschaft und Handarbeit
Gesundheitsprogramme
Sanitäre Anlagen
Heim für 75 Halbwaisen (Jungen und Mädchen)

Lobby und Rechtsbeistand
Indienweit, Anwältin Arora
Juristische Unterstützung von Minderheiten, die Opfer von Gewalt wurden
Engagement auf nationaler und internationaler Ebene für die Rechte von Minderheiten
Juristisches Vorgehen gegen die Antikonverstionsgesetze in diversen Staaten

Kampf gegen Menschenhandel
Staat Jharkhand, Anwältin Samuel
 Präventionsarbeit in der Dorfbevölkerung
 Schulungen und Förderung eines Netzwerks von Behörden, Polizei, Sozialarbeitern, NGOs, Eltern, Freiwilligen und Pfarrern
 Befreiung und Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen aus dem Menschenhandel
Juristischer Beistand für die Opfer

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