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Sie floh vor ihrem Sklaventreiber

25. Januar 2016

Alueth Bol Akuei erlebte fürchterliche Zeiten. Im ersten Jahr ihrer Versklavung musste sie angebunden bei den Eseln schlafen. Dank ihrem Mut konnte sie nach fast 20 Jahren Gefangenschaft ihrem brutalen Sklaventreiber entkommen.



«Ich stamme aus Riang Awai. Was genau bei meiner Entführung passierte, weiss ich nicht mehr richtig. Denn ich war damals, Mitte der 90er Jahre, noch sehr jung.

Ich erinnere mich jedoch, dass eines Nachts ein heftiger Kampf zwischen der Sudanesischen Befreiungsarmee (SPLA) und den arabischen Milizen tobte. Die Artilleriegeschosse jagten uns Angst ein. Deshalb floh ich mit meinen Eltern und Geschwistern ins Gebüsch. Unsere Befreiungsarmee behielt im Gefecht die Oberhand. Die arabischen Angreifer mussten sich zurückziehen. Dabei entdeckten sie uns im Gebüsch und rissen mich und meine Geschwister von unseren Eltern weg. Verzweifelt versuchte mein Vater, mich zu retten. Doch die rücksichtslosen Milizen droschen auf ihn ein, bis er umfiel und liegen blieb. Ich weiss bis heute nicht, ob er noch lebt.

Während ich in Richtung Norden verschleppt wurde, begegnete ich Nachbarn von uns, die ebenfalls in der Gewalt der Milizen waren. Der kräftezehrende Marsch ins Ungewisse dauerte drei Tage. Die Erwachsenen waren auf den Pferden angebunden. Wir Kinder mussten den ganzen Weg zu Fuss bewältigen. Zwar musste ich unterwegs nicht miterleben, wie jemand umgebracht wurde. Doch mir reichte es schon, dass ich einmal an zwei Leichen, einer Dinka- Frau und einem Mann, vorbeiziehen musste. Es war ein schrecklicher Anblick. Lange fragte ich mich noch, was wohl mit ihnen geschehen war.

Im Stall angebunden

Als wir im Norden ankamen, wurde ich von meinen Geschwistern getrennt. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Ich lebte fortan im Dorf Makwau mit einem der Räuber, einem Mann namens Hamad. Er veranlasste, dass ich im Stall bei den Eseln schlafen musste. Ein ganzes Jahr lang wurde ich nachts vor dem Schlafen jeweils angebunden. Danach hatte diese zusätzliche Qual ein Ende.

Ich war die einzige Dinka im Haus. Hamad behauptete zwar stets, noch weitere Dinkas auf seiner grossen Farm zu haben. Doch in all den Jahren sah ich niemanden von ihnen. Täglich musste ich unter gewaltigem Druck schwere Arbeit verrichten, das ganze Haus für seine Familie putzen und Kleider waschen. Stets musste ich damit rechnen, dass Hamad wegen einer Kleinigkeit ausrasten und mich zusammenschlagen würde.

Ehefrau aus Angst

Mein Sklavenhalter hatte zwei Frauen, Asha und Amona, von denen er insgesamt drei Kinder hatte. Doch das schien ihm zu wenig zu sein. Während er mich einmal heftig schlug, meinte er, dass auch ich fortan seine Frau sei. Da ich um mein Leben fürchtete, liess ich ihn gewähren und widersprach ihm nicht. Kurze Zeit später musste ich die Beschneidung über mich ergehen lassen. Diese Genitalverstümmelung war absolut grauenvoll und unvorstellbar schlimm.

Er wollte sie nicht ziehen lassen

Eines Tages kam ein Sklavenbefreier zu uns. Dieser wollte mich mitnehmen. Doch Hamad liess mich nicht ziehen, weil ich zu jenem Zeitpunkt schon zwei Kinder von ihm hatte und mit dem dritten schwanger war. Kaum war der Befreier gegangen, verprügelte mich Hamad und nahm all meine Kleider und auch die beiden Kinder Asha und Suleiman weg, damit ich ihn nicht verlassen würde.

Ihr Wille war stärker

Doch hier hatte er meine Entschlossenheit unterschätzt: Ich floh und war erleichtert, dass ich relativ schnell den Sklavenbefreier finden konnte. Ich erzählte ihm, was mir mein Sklaventreiber angetan hatte und dass er mir die Kinder genommen hatte. Darauf sagte er zu mir: «Ich werde dich in den Süden bringen. Deine Kinder kann ich im Moment nicht holen, das wäre zu gefährlich. Ich werde sie später in den Südsudan mitnehmen und dir zurückbringen.»

Natürlich war ich darüber sehr traurig. Doch ich war froh, dass ich nach fast 20 Jahren wieder frei war und in meine Heimat zurückkonnte. Mein Befreier ist wirklich ein guter Mann und ich vertraue ihm, dass ich Asha und Suleiman eines Tages wieder in meine Arme schliessen kann.

Alueth besucht nun regelmässig die Kirche

Unser Befreier brachte uns direkt in den Südsudan. Dafür bin ich ihm und Gott unendlich dankbar. Vor meiner Entführung ging ich nicht in die Kirche. Seit meiner Rückkehr besuche ich aber regelmässig die Gottesdienste in meinem Dorf. Im Norden war ich gezwungen, wie eine Muslimin zu beten. Nun bin ich in «Dinkaland» und frei, meinen Gott zu loben.

Ich grüsse euch von ganzem Herzen. Vielen Dank für euren enormen Einsatz, mich zu befreien, und dass ihr uns in meiner Heimat herzlich empfangen habt!»

Reto Baliarda

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