Sklavenbefreiung – ein Kraftakt in vielerlei Hinsicht

23. Juni 2019

CSI-Projektmanager Franco Majok ist bei jeder Sklavenbefreiung im Südsudan vor Ort. Er koordiniert die Abläufe der Begrüssungsfeier mit jeweils 200 befreiten Sklaven. Zudem ist er für die Anschaffung der Milchziegen und Startsäcke verantwortlich. Im Interview gewährt Majok einen Blick hinter die Kulissen und erzählt von seinen grössten Herausforderungen.



Franco Majok, Du bist seit sieben Jahren für die Sklavenbefreiung vor Ort im Südsudan zuständig. Welches sind deine Hauptaufgaben?

Ich bin letztendlich für alles verantwortlich. Im Besonderen dokumentiere ich die Befreiung der Sklaven und sorge dafür, dass alle eine Art Identitätsausweis erhalten. Zudem bin ich für die grosse Verteilung von Milchziegen, Startsäcken und Sorghum-Hirse für die jeweils 200 befreiten Sklaven an der Begrüs­- sungsfeier zuständig.

Und wie oft reist du dafür in den Südsudan?

Pro Jahr finden fünf bis sechs Sklavenbefreiungen statt. Ich bin bei allen Befreiungen dabei.

Es ist beeindruckend, dass jeder der 200 befreiten Sklaven eine Milchziege erhält. Wie kommt es, dass du jeweils 200 Ziegen für die befreiten Sklaven zur Verfügung hast?

Unser Team kauft die Ziegen auf verschiedenen Märkten ausserhalb unseres Gebiets ein, beispielsweise in Malual Kuel an der Grenze zum Sudan, etwa 50 Kilometer nördlich des Gebiets, wo wir die befreiten Sklaven empfangen. Ein anderer beliebter Markt für Ziegen befindet sich in Malual Dit, rund 40 Kilometer von uns. Die Ziegen werden aus den verschiedenen Märkten zusammengeführt und dann per Lastwagen zu uns in die Bundesstaaten Lol und Aweil Ost transportiert.

Die befreiten Sklaven erhalten von uns seit 2013 eine Ziege.

Wie lange hat unser Team Zeit, um die Ziegen zu besorgen?

Dem Team stehen dafür jeweils 40 bis 50 Tage zur Verfügung.

Und wie werden die Startsäcke angeschafft?

Die Startsäcke werden mitsamt Inhalt in Kenias Hauptstadt Nairobi hergestellt. Einmal pro Jahr bestelle ich 2000 Säcke, die dann in zwei Lastwagen von Nairobi in unser Gebiet im Nordosten des Südsudans gebracht werden.

Wie lange dauert der Transport?

In der Regel sind es mehrere Tage. Die Anschaffung der Startsäcke ist die grösste Herausforderung für mich.

Warum?

Zum einen ist es gar nicht so einfach, in Kenia zwei Lastwagen-Lieferungen zu buchen. Die Transporte müssen ausserdem immer zwischen Dezember und April durchgeführt werden, weil dann die Strassen trocken und daher besser befahrbar sind. Kommt dazu, dass ich jeweils einen hohen administrativen Aufwand betreiben muss, bis ich im Südsudan die Bestätigung erhalte, dass die Lieferung vom Zoll befreit ist. Ich muss dafür unter anderem jedes Mal nachweisen, dass CSI nicht gewinnorientiert, sondern gemeinnützig ist.

Ich bin jedes Mal erleichtert, wenn die Startsäcke bei uns angekommen sind.

Die befreiten Sklaven erhalten auch Sorghum-Hirse. Wo beschaffst du diese?

Ja, grundsätzlich erhält jeder einige Kilogramm Sorghum. Die befreiten Sklaven verwenden das Sorghum als Nahrungsmittel, aber auch als Saatgut, wenn die Regenzeit unmittelbar bevorsteht. Früher musste ich das Sorghum aus Uganda importieren. Heute können wir es auf den lokalen Märkten kaufen.

Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung nach der Befreiung aus? Viele befreite Südsudanesen wurden während der jahrelangen Sklaverei im Sudan misshandelt.

Das stimmt. Es ist auch schon vorgekommen, dass die Hälfte der jeweils 200 befreiten Sklaven nach ihrer Rückkehr gesundheitlich angeschlagen war. Häufig leiden sie an Magenbeschwerden oder sind an Malaria erkrankt. Andere haben sichtbare Wunden aufgrund der Misshandlungen. Wir sind dankbar, dass wir mit Daniel Deng und Aleu über ausgewiesene Fachkräfte verfügen, die in der mobilen CSI-Klinik die medizinische Betreuung sicherstellen. Kompliziertere Fälle bringen wir ins Spital nach Nairobi, da es im Südsudan kein Spital auf diesem Niveau gibt.

Es fällt auf, dass die befreiten Sklaven mehrheitlich Frauen sind. Oder täuscht der Eindruck?

Nein, das ist richtig. Auch bei der letzten Befreiung im Mai 2019 befanden sich unter den 400 Rückkehrern 252 Frauen.

Ist es denn so, dass damals im Sudan-Krieg in den 80er und 90er-Jahren mehr Frauen vom Süden in den Norden verschleppt und versklavt wurden?

Tatsache ist, dass viele Männer bei den Überfällen auf die Dörfer oder auch während der Entführung in den Norden getötet wurden. Dies vor allem, weil sie sich eher zur Wehr setzten. Frauen ordnen sich einfacher unter und verrichten überdies die klassischen Hausarbeiten wie Putzen oder Kochen. Daher sind sie für die sudanesischen Sklavenhalter häufig von grösserem Nutzen.

Ein ehemaliger Sklave, der jahrzehntelang nicht mehr im Südsudan war und vielleicht kaum Erinnerungen an seine Heimat hat, muss sich in der neuen Umgebung zurechtfinden können. Wie werden die befreiten Sklaven integriert?

Praktisch alle befreiten Sklaven können durch ihren Nachnamen identifiziert werden, sodass wir wissen, aus welchem Dorf sie ursprünglich stammen. Ist eine Identifikation trotzdem nicht möglich oder sind keine Verwandten mehr zu finden, werden sie in einer Dorfgemeinschaft aufgenommen. Hier ist auch die gute Zusammenarbeit mit den örtlichen Kirchen sehr wertvoll.

Apropos Kirche: Viele befreite Sklaven wurden im Norden gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Wie sieht es nach der Befreiung aus?

Die grosse Mehrheit der ehemaligen Sklaven wendet sich nach ihrer Rückführung vom Islam ab. Sie werden Christen, selbst wenn sie vor der Entführung vielleicht Animisten waren. Das Christentum ist für sie attraktiv: Sie sehen, was CSI – eine christliche Organisation – für sie macht und welche Unterstützung Christen aus dem Westen leisten. Generell breitet sich das Christentum im Südsudan seit dem Ende des Bürgerkriegs rasant aus.

Trotz allem ist für die befreiten Sklaven der Neustart in ihrer Heimat nicht einfach. Hat sich noch nie ein ehemaliger Sklave beschwert, dass er lieber Sklave im Sudan geblieben wäre, so wie damals die Israeliten in Ägypten?

Nein, niemand hat sich bis heute jemals beschwert. Und CSI befreit seit 1995 Sklaven. Ich selber bin seit 2013 dabei. Natürlich stehen die befreiten Sklaven auch in ihrem neuen Leben im Südsudan vor Herausforderungen. Doch sie sind von Herzen dankbar, dass sie freie Menschen sind und auch nicht mehr geschlagen werden.

Was ist für dich das Eindrücklichste bei der Sklavenbefreiung?

Dies ist eindeutig der Moment, wenn die befreiten Sklaven die Milchziege überreicht bekommen. Ich sehe dann ihre grenzenlose Freude im Gesicht. Das berührt mich sehr. Zudem weiss ich, dass die meisten von ihnen erfolgreiche Züchter sind und ein Jahr später vier bis fünf Ziegen haben.

Du engagierst dich mit Herzblut für die Befreiung von Sklaven im Sudan. Was spornt dich im Speziellen dazu an?

Ich stamme selbst aus dem Südsudan und habe den Krieg miterlebt. Vor allem aber bin ich ein Stück weit auch selbst betroffen: Eine Cousine von mir wurde 1985 von den arabischen Milizen verschleppt. Zum Zeitpunkt der Entführung muss sie 12 oder 13 Jahre jung gewesen sein. Bis heute konnte sie nicht gefunden werden. Dieses Familienschicksal motiviert mich, möglichst viele Sklaven zu befreien. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, sie eines Tages wiederzusehen.

Reto Baliarda

 


 

So viel kostet die Befreiung eines Sklaven

Arabische Verbündete von CSI erkaufen die Freiheit von versklavten Südsudanesen mit Vieh-Impfstoff-Tabletten im Gegenwert von ungefähr 60 Franken. Die befreiten Sklaven kommen im Sudan an eine geheime Sammelstelle und werden dann im Geheimen über die Grenze in den Südsudan zurückgeführt. In ihrer Heimat erhalten sie Sorghum-Hirse und einen Startsack mit den wichtigsten Utensilien für ein Leben in Freiheit wie Angelhaken, Sichel oder Wasserkanister (Preis: gut 50 Franken). Seit 2013 erhält zudem jeder befreite Sklave am Ende noch eine eigene Milchziege (57 Franken). Für die Befreiung eines Sklaven benötigen wir somit ungefähr 170 Franken. In einigen Fällen fallen noch zusätzliche medizinische Kosten an.

Herzlichen Dank, dass Sie uns bei der Sklavenbefreiung unterstützen.

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Projekt Südsudan