• Indien

Tief beeindruckt vom starken Engagement

25. Januar 2016

Im November 2015 besuchten Reto Baliarda und ich das CSI-Projekt gegen den Menschenhandel in Indien. Tief beeindruckt reisten wir zurück. Wir waren betrübt vom Einblick in die dunkle Welt des Menschenhandels. Zugleich berührte uns der unglaubliche Einsatz unserer Projektpartner vor Ort.




Indien: Menschenhandel

Gemeinsam gegen Menschenhandel

CHF 50 Für Aufklärungsarbeit für Eltern, Kinder und Behörden
CHF 100 Für Such- und Rettungsaktionen für entführte Mädchen
CHF 150 Für Betreuung für Opfer von Menschenhandel oder gefährdete Kinder
individueller Betrag

Zu Beginn besuchten wir das Slumgebiet Kanke ausserhalb von Ranchi, der Hauptstadt des Bundesstaats Jharkhand. Dort trafen wir Frauen und Leiterinnen von Selbsthilfegruppen (SHG), die sich gegen den weit verbreiteten Menschenhandel einsetzen. «Wir spüren immer die Spannung in diesem Gebiet. Wir leben gefährlich, weil wir den Menschenhändlern ein Dorn im Auge sind», so Lalita*, die Hauptleiterin der insgesamt fünf SHG in Kanke.

Doch Lalita ist stark: «Wir werden weitermachen, trotz der Angst, die uns ständig begleitet. Viele Menschen profitieren hier vom Menschenhandel. Alkohol und Gewalt sind hier ein riesiges Problem, die Verwahrlosung der Kinder ist weit verbreitet. Es gibt keine Toiletten, so dass die ganze Gegend sehr unhygienisch, schlechtriechend und dreckig ist».

Durch unsere Präsenz enorm ermutigt

Lalita und die anderen Frauen der SHG sind sehr erfreut, uns zu treffen. «Eure Präsenz und Unterstützung ist enorm wichtig für uns. Bitte bleibt an unserer Seite, ansonsten sind wir so gut wie tot.». Lalita erklärt uns, wie wichtig es ist, dass die Zuhälter wissen, dass sowohl eine indische wie auch eine ausländische Organisation hinter ihnen stehen. Auch dass unser Mitarbeiter und Anwalt, Ajay*, ihnen zur Seite steht, ist von grosser Bedeutung. Dies hilft ihnen zumindest zum Teil, dass sie etwas geschützt sind. Doch eine Garantie für Sicherheit haben sie nie.

Mutiger Mann alleine auf weiter Flur

Was es für diese tapferen Frauen heisst, mit der ständigen Angst vor den Zuhältern zu leben, erlebten wir in Kanke ansatzweise auf dem Weg zum Nachmittags-Kinderhort. Dieser befindet sich tiefer im Slumgebiet, und der Weg dorthin führt vorbei an alkoholisierten Männern, die zum Teil in den Menschenhandel involviert sind und sich über unsere Anwesenheit beschwerten. Ein Machtwort von Anwalt Ajay war in diesen heiklen Momenten hilfreich.

Am Hort trafen wir Balku*, der uns besonders beeindruckte. Er ist der einzige Mann in dieser Gegend, der sich offen gegen den Menschenhandel engagiert. Der junge Mann und Sohn einer SHG-Leiterin hat für die Kinder dieses Slumgebietes den Nachmittagshort «Literacy Center» eröffnet. Dort erhalten sie Unterstützung für die Schule, erfahren aber auch Schutz und ein offenes Ohr für ihre Anliegen.

Dass Balku für sein grosses Engagement mit viel Widerstand kämpfen muss, zeigte sich bei der Begrüssung der Kinder. Sie sangen für uns und die CSI-Projektpartner mit viel Hingabe ein Lied vor. Leider wurde der beherzte Auftritt von vielen herumstehenden, alkoholisierten Männern merklich gestört. Dass die Kinder dennoch unbeirrt mit ihrem Gesang fortfuhren, ist ein ermutigendes Zeichen und zeigt auch, mit welch enormem Mut sich Balku für die Würde dieser gefährdeten Kinder einsetzt.

Viele Bewohner in diesem Slum­gebiet – vor allem Männer – sind gegen diese Institution, da sie wissen, dass auch der Hort unter unserer Aufsicht ist. Doch Balku möchte trotz gefährlichem Gegenwind dranbleiben. Diese tapferen jungen Leute möchten wir weiterhin unterstützen und ihnen mit unserer Anwesenheit den Rücken stärken.

Ein starkes Zeichen für uns ist, dass Balkus Mutter und eine weitere SHG-Leiterin für ein lokalpolitisches Amt kandidieren. Damit wollen sie auch die andauernde Gefahr des Kinderhandels öffentlich noch mehr thematisieren.

Ein 7-jähriges Mädchen in grosser Gefahr

Im Slumgebiet begegneten wir auch Sujata*, einem süssen, zerzausten Mädchen. Ein Mädchen, das in jungen Jahren bereits schon Grässliches erleben musste. Vom Bordell wurde sie dank der SHG befreit, wir konnten sie zusammen mit unserem Team und der Polizei retten.

Doch ihr Vater ist praktisch nicht existent, ihre Mutter blind. Deshalb wohnte sie zu dieser Zeit bei der Tante. Diese wollte Sujata jedoch nicht behalten und flehte uns an, das gefährdete siebenjährige Mädchen mitzunehmen, da das Risiko einer erneuten Entführung gross sei. Nun haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Sujata aus dieser gefährlichen Lage zu befreien. Mittlerweile konnten wir einen sicheren Platz finden, wo sie sich erholen kann, Schutz und liebevolle Betreuung erhält und zur Schule gehen kann.

Treffen mit 600 Begünstigten

Die SHG im Slumgebiet von Ranchi (Kanke) ist eine von über 40 Gruppen, die sich fürs Wohl der Kinder einsetzen. In Gumla, etwa 90 Kilometer von Ranchi, erlebten wir ein beeindruckendes Fest, bei dem über 600 Leute aus verschiedenen SHG zusammenkamen. Diese Leute stammen aus abgelegenen Gegenden, die von Maoisten regiert werden. Nicht einmal die Polizei getraut sich dorthin. Deshalb ist es für Menschenhändler dort einfach, ihre brutalen Geschäfte zu tätigen.

Die Teilnehmenden dieser SHG finden Unterstützung bei den anderen Teilnehmern, aber auch bei unserem Team. Regelmässig reist ein Teammitglied in diese Gegend und führt Präventionsanlässe an Schulen durch. Zusätzlich werden die SHG besucht und gestärkt.

Als die Teilnehmer hörten, dass wir nach Gumla kommen, entschlossen sie sich, ein Fest zu organisieren. Mit ihren Gesängen und Stammestänzen brachten sie uns ihre Dankbarkeit zum Ausdruck. Sie ermutigten sich gegenseitig und konnten so feststellen, dass sie in ihrer gefährlichen Lage nicht alleine sind.

Gerettet – aber ohne Perspektive

Die lokale Sozialverantwortliche, die am Anlass eine Rede hielt, war zutiefst berührt, dass all diese Menschen von so weit her kamen, alles Menschen, die aktiv von den Gruppen profitierten. Hätte sie als Vertreterin des Staates alle diese Leute eingeladen, wären sie nie gekommen. «Denn die Bevölkerung vertraut den lokalen Behörden grundsätzlich nicht», bemerkte sie. Bei ihrer Ansprache betonte sie, wie beeindruckt sie von den SHG und ihren positiven Auswirkungen war.

Während des Festes lernten wir Anita* kennen, die nach Delhi gelockt, entführt und schliesslich als Haushälterin nach Mumbai verkauft worden war. Zwar konnte sie dank dem entschlossenen Einsatz unserer Partner befreit werden, doch das Leben zu Hause ist für sie kaum zumutbar. Ihr Vater ist Alkoholiker und die Mutter höchst selten anwesend. Wegen ihrer Vergangenheit wird sie von den Nachbarn gemieden.
Wir werden für sie einen Platz in einem Rehab-Zentrum suchen, damit sie sich beschützt fühlt und Zuneigung erhält.

Ein eigenes Rehabilitationszentrum

Dieses traurige Beispiel zeigt, wie wichtig für die befreiten und gefährdeten Mädchen eine Unterbringung ist, wo sie Schutz und Geborgenheit erfahren. Deshalb sind wir dankbar, dass wir nach langem Suchen und vielen Stunden bei den Behörden ein Stück Land für unser eigenes Rehabilitationszentrum kaufen konnten.

Es war eine Freude, das Grundstück zu sehen und mit dem Architekten die ersten Pläne zu schmieden. Bald werden wir mit dem Bau anfangen in der Hoffnung, anfangs 2017 die ersten Kinder in unserem Heim aufnehmen zu können. Das Rehab-Zentrum wird Platz für 40 Mädchen bieten. Für jede Unterstützung für den Bau und Unterhalt dieses Zentrums sind wir sehr dankbar.

Unsere ersten zwei befreite Mädchen

Auf unserer Reise kam es zu einem erneuten Treffen mit Kalika* und Bushbita*, die ersten zwei Mädchen, die wir Anfang 2013 befreien konnten. Was für ein freudiges Wiedersehen! Als wir sie das erste Mal trafen, waren sie kaum ansprechbar, ihre Blicke waren auf den Boden gerichtet, ihre Körpersprache liess Vieles erahnen. Nun wurden wir mit überaus grosser Herzlichkeit und vielen Umarmungen begrüsst. Die Mädchen schmieden nun Pläne für ihre berufliche Zukunft. 

Es gäbe noch Vieles zu berichten

Einmal mehr bin ich mit einem Koffer voller wertvoller Erfahrungen und Erlebnissen wieder nach Hause geflogen. Verankert in meinem Herzen bleiben die vielen Menschen, denen ich begegnen durfte und die Hoffnung, noch vielen Opfern von Menschenhandel helfen zu können. Wichtig dabei wird weiterhin die Präventionsarbeit sein. Denn besser als befreien ist die Bewahrung von diesem Grauen.

Inés Wertgen, Projektleiterin Indien


Der Wert der Selbsthilfegruppen

2013 starteten Evangelical Fellowship of India (EFI) und CSI das Projekt gegen Menschenhandel im Bundesstaat Jharkhand. Zuerst in der Hauptstadt Ranchi, dann weiter in zwei abgelegenen Gebieten, Gumla und Khunti.

Vor einem Jahr gründeten wir die ersten Selbsthilfegruppen. Mittlerweile gibt es über 40 Gruppen, neuerdings auch einige Männergruppen. Diese kommen wöchentlich zusammen und sammeln Geld in eine gemeinsame Kasse, um eigene kleine Geschäfte aufzubauen. Zusätzlich sprechen sie über Themen wie häusliche Gewalt, Menschenhandel, Missbrauch der Väter ihrer eigenen Kinder. Auch Probleme wie z.B., dass Eltern aus finanzieller Not heraus ihre Kinder weggeben oder sogar verkaufen, werden thematisiert.

Viele Frauen erzählten uns, wie wichtig diese SHG sind. Sie können ein kleines Einkommen erzielen und dadurch ihre Kinder bei sich behalten. Doch auch Gespräche über Themen, die in Indien sonst tabuisiert werden sowie die gemeinsame Suche nach Lösungen sind für sie ermutigend. Die Gruppe gibt ihnen Kraft, für die Rechte ihrer Kinder und für ihre eigenen einzustehen. Dank dem Austausch in den SHG konnten einige Kinder befreit werden, da die Betroffenen mit unserem Befreiungsteam in Kontakt gebracht wurden.

* Namen geändert

Weitere Berichte
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