Traumatisiert von der Entführung – unendlich dankbar für die Befreiung

04. November 2017

Abuk Aher wurde als Sklavin schwer misshandelt und litt regelmässig an Hunger. Elf Jahre musste sie unter widrigsten Umständen für ihren erbarmungslosen Sklavenhalter schuften. Sie wagte nicht mehr zu glauben, dass sie eines Tages frei sein könnte.



Abuk ist dankbar, dass sie zusammen mit weiteren 200 befreiten Sklaven im Juni 2017 von CSI begrüsst wird. Zugleich ist es ihr ein Anliegen, von ihrer schrecklichen Vergangenheit zu erzählen.

Geschlagen und eingesperrt

Abuk erinnert sich, wie sie als kleines Kind an einem sonnigen Tag wie gewöhnlich ihre Mutter zuhause beim Haushalt unterstützte. Sie erschraken, als sie durch die Fensterlöcher sahen, wie Araber in ihr Dorf Mabior Angui eindrangen. «Wir rannten aus dem Haus und versuchten, davonzulaufen. Doch sie packten uns und schlugen fürchterlich auf uns ein», berichtet sie mit stoischem Blick. Zusammen mit anderen Dorfbewohnern wurde das Mädchen gefangen genommen und über Nacht eingesperrt. Am nächsten Tag mussten alle in Richtung Norden marschieren. Gleich zu Beginn des sieben Tage dauernden Marsches packten die arabischen Entführer die kleine Abuk und führten an ihr die extrem schmerzhafte Genitalverstümmelung aus.

Todesangst bei der Entführung

Die qualvolle Verschleppung zehrte erbarmungslos an den Kräften des zierlichen Mädchens. «Meine Füsse schwellten immer wieder an. Ich war häufig am Rande der Erschöpfung. Doch wehe, wenn dies die Enführer merkten! Als ich mich einmal fast nicht mehr auf den Beinen halten konnte, schlugen sie mich heftig zusammen», Dreimal wurde Abuk deswegen verprügelt. Dabei war dies noch lange nicht das Schlimmste. Eine noch grös­sere Qual war es, als sie mitansehen musste, wie acht Menschen aus ihrem Dorf erschossen wurden. Sie waren erschöpft und konnten keinen sicheren Schritt mehr machen.

Die Exekution war ein traumatisches Ereignis. Fortan wurde Abuk pausenlos von einer ungeheuren Angst geplagt, dass ihr dasselbe zustossen könnte. Gleichzeitig war sie völlig durcheinander. «Ich wusste nicht, was nach der Entführung auf mich zukommen würde. Ich wagte es auch kaum, mir darüber ernsthaft Gedanken zu machen.»

Von Mohammeds Bruder sexuell missbraucht

Nach sieben Tagen endete die Entführung in der sudanesischen Ortschaft Daen. Dort wurde sie an Mohammed Assan versklavt, der fünf Frauen und rund ein Dutzend Kinder hatte. Als Sklavin musste Abuk täglich im ganzen Haus wischen und das Geschirr reinigen. Danach musste sie jeweils die Kleider für die fünf Frauen waschen.

Abuks Schlafplatz war im Stall bei den Ziegen. Eine Mahlzeit zusammen mit der Familie einzunehmen kam nicht in Frage. Sie musste alleine essen und erhielt dafür die meist spärlichen Essenresten. «Doch das war viel zu wenig. Der Hunger plagte mich über all die Jahre als Sklavin.»

Immer wieder wurde sie vom Sklavenhalter geschlagen, wenn sie müde war. Zu wehren wusste sie sich dabei ebenso wenig wie bei Mohammeds Bruder, der sie oft vergewaltigte. «Mohammed zwang mich auch, zum Islam überzutreten. Das war mir absolut zuwider. Doch ich hatte keine andere Wahl.»

Das ständige Schikanieren, die erlittenen körperlichen Schmerzen, die Furcht vor weiteren drohenden Übergriffen trieben Abuk in die pure Verzweiflung. «Ich wagte nicht, an eine Besserung zu glauben, schon gar nicht, dass ich jemals aus der Sklaverei befreit werden könnte. Ich versuchte, mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass ich für immer eine verachtete Sklavin sein würde», berichtet sie mit gesenktem Haupt.

Grenzenlose Freude

Eines Tages erfuhr Abuk, dass ein Mann von Haus zu Haus kam, um Sklaven mitzunehmen. Er kam auch bei Mohammeds Haus vorbei. Von weitem sah sie, wie er mit Mohammed sprach und ihm irgendetwas gab. «Mein Herz begann zu klopfen. Würde mich der Mann mitnehmen? Tatsächlich kam Mohammed auf mich zu und sagte, dass ich mit ihm gehen könne. Ich schwankte zwischen Freude und Verunsicherung. Was würde dieser Mann wohl mit mir anstellen?»

Der Sklavenbefreier brachte Abuk und weitere Südsudanesen an einem Ort zusammen und erklärte, dass sie alle befreit seien und mit ihm zurück ins Dinkaland (Südsudan) gehen würden. «Ich war schlicht überwältigt vor Freude und konnte mein Glück kaum fassen», beschreibt sie ihre Emotionen bei diesem unerwarteten Moment. Die befreiten Sklaven wurden während der Rückkehr durch den Befreier sehr gut behandelt. Abuk selbst strahlte innerlich und freute sich auf ihre Heimat.

Die befreite Sklavin ist überglücklich, wieder zuhause sein zu können. Sie hofft, dass sie zumindest einen Teil ihrer Familie wieder finden wird. Über den Besuch von CSI-Schweiz freut sie sich ausserordentlich: «Ganz herzlichen Dank, dass Sie hier sind.»

Reto Baliarda

 

 

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