Über 100 Selbsthilfegruppen gegen Menschenhandel

23. Januar 2018

Das Projekt gegen den Menschenhandel in Indien entwickelt sich auf verschiedenen Ebenen sehr gut. Dies konnte ich während der letzten Reise erleben. Das Team vor Ort leistet eine beeindruckende Arbeit, oft unter gefährlichen Bedingungen.



Lani* war gerade mal 7 Jahre alt, als sie im Staat Jharkhand entführt wurde. Drei Jahre wurde sie in Delhi in einem Bordell gefangen gehalten und musste unzählige Männer bedienen. Sie ist eines der über 300 Kinder, welches wir aus den Klauen des Menschenhandels befreien konnten. Sie weilt, zusammen mit weiteren zehn befreiten Opfern, in einem Konvent. Dort lebt sie in einem geschützten Rahmen, erhält viel Liebe, psychologische Betreuung und kann mittlerweile die Schule besuchen.

Das Potential der Selbsthilfegruppen

Damit es erst gar nicht so weit kommt, hat unser Team vor rund drei Jahren angefangen, Selbsthilfegruppen (SHGs) im Staat Jharkhand aufzubauen. Die Mitglieder der Gruppen treffen sich wöchentlich. Einerseits wird immer wieder über das Thema des Menschenhandels gesprochen. Die Mitglieder lernen die Gefahren des perfiden Netzwerkes kennen und erfahren, wie sie ihre Kinder davor schützen können. Dabei kommen immer wieder aktuelle Fälle zum Vorschein. Nicht selten wird ein verschwundenes Kind dank dem Netzwerk der SHGs befreit. Die Gruppen dienen aber auch als wertvolles Warnwerkzeug. Sobald etwas in der Umgebung verdächtig erscheint, wird eine Warnung über die Gruppen wie ein Lauffeuer verbreitet.

Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe Social Women Group strahlen über das ganze Gesicht. Es ist ein Treffen voller Freude. Auf unserer letzten Reise besuchen wir diese Gruppe, die vor gut 18 Monaten startete. Anfangs war es nur Alice, die Leiterin der Gruppe. Doch die Gruppe wuchs relativ schnell, so dass heute 16 Frauen dieser Gruppe angehören. «Wir sind überglücklich über die SHG, denn wir haben neue Hoffnung für unser Leben und das unserer Familien gefunden», so Alice.

Verkauf der Kinder verhindern

Die SHGs bieten aber auch finanzielle Unterstützung an. Auf Grund der bitteren Armut werden Kinder von ihren Eltern zum Arbeiten in die grossen Städte geschickt oder sogar an Händler verkauft. Deshalb ist die finanzielle Stütze durch die SHGs ein wichtiges Werkzeug gegen den Menschenhandel. Die Social Women Group hat seit über einem Jahr begonnen, Tücher zu weben und zu verkaufen. Nun hat sie mit ihren ersten Einnahmen seit einigen Monaten einen kleinen Laden an einer Hauptstrasse eröffnen können. «Der Laden hat uns nochmals einen ganz neuen Aufschwung gegeben. Der Standort an der Hauptstrasse hat uns geholfen, bekannter zu werden. Wir verkaufen jetzt nicht nur die Tücher an Einzelne, sondern wir erhalten immer mehr Aufträge. Es sind rund 20 pro Monat. Das macht uns enorm glücklich und zuversichtlich für unsere Zukunft und die unserer Familien», erzählen uns die Frauen der SHG.

So wie diese Gruppe, funktionieren über 100 weitere Gruppen. Das Potential und der Multiplika­tionsfaktor dieses Systems sind beeindruckend und begeistern uns sehr. Wir hoffen, auch in Zukunft Hilfe für weitere SHGs leisten zu können.

Rehabilitationszentrum

Opfer von Menschenhandel, die wir befreien konnten, bringen wir in der Regel zurück zu ihren Familien, sofern dies für das Kind oder den Jugendlichen gut ist. Sollte das Opfer nicht zur Familie zurückkönnen, weil es zu verwahrlosen droht oder sogar die Gefahr des Wiederverkaufs besteht, suchen wir einen Platz in einem Heim. Doch leider sind nicht alle Heime geeignet für die Opfer. Zum Teil werden sie nicht professionell betreut. Zudem besteht auch hier die Gefahr, dass ein Kind erneut verkauft wird. Das heisst, es gibt nur beschränkt geeignete Plätze für die Opfer.

Deshalb haben wir vor rund zwei Jahren entschieden, ein eigenes Rehabilitationszentrum zu bauen. Während der letzten Reise im November habe ich den Bau des Zentrums besucht und gesehen, dass dieser bereits fortgeschritten ist. Gemäss Planung des Architekten werden wir ab August 2018 die ersten Opfer in unserem Zentrum aufnehmen können. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, in Zukunft vielen Opfern ein sicheres und wertvolles Zuhause zu bieten und ihnen eine Perspektive zu geben. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank allen Spendern, die die Realisierung dieses wichtigen Projekts ermöglicht haben.

Inés Wertgen, Projektleiterin Indiem

*Namen geändert

 

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Projekt Indien