• Südsudan

Unendlich dankbar für die Rückkehr

10. August 2015

Als Sklavin wurde Amel Dor Manyuol jahrelang schikaniert, misshandelt und vergewaltigt. Ihr rücksichtsloser Sklavenhalter ist zugleich Vater ihres anderthalbjährigen Sohns Kuol. Zurück in ihrer Heimat ist Amel voller Hoffnung, einen Teil ihrer Familie wiederzusehen.



Amel Dor Manyuol ist heute Mitte 20 und glücklich, ein neues Leben zuhause zu haben. Dies trotz traumatischer Erlebnisse: Denn sie musste während der Gefangennahme durch die arabischen Reitermilizen Schreckliches durchstehen. Narben an Armen und Beinen zeugen von der menschenverachtenden Behandlung, die sie als Sklavin im Norden Sudans über sich ergehen lassen musste. Im Folgenden berichtet Amel Dor Manyuol über ihr verlorenes und wiedergewonnenes Leben. 

Nächtlicher Überfall

«Ich stamme aus der Gegend von Aweil (Hauptstadt von Bahr-el-Ghazal). Eines Nachts kamen die Sklavenräuber herangeritten und überfielen unser Dorf. Ich wurde als Kind gefangen genommen und sah, wie sie auf meine Geschwister schossen und einige dabei umbrachten. Wer konnte, versuchte zu fliehen und sich im Gebüsch in Sicherheit zu bringen.
Ein Mann namens Mohammed Abdullah verschleppte mich in den Norden. Er und die anderen Reitermilizen zwangen uns die ganze Zeit, zu marschieren. Es war brutal: Obwohl wir uns während der Entführung ruhig verhielten, schnitten die Entführer einem Gefangenen die Kehle durch und schlugen zwei weitere zu Tode. Dies nur, weil einer der Entführer meinte, dass er diese Leute nicht brauche.

Kinder misshandelten sie

Als Sklavin musste ich Mohammeds Familie in Karega (Darfur, Sudan) dienen. In diesem Haus war ich die einzige Dinka. Es gab weitere Dinkas in den Nachbarhäusern, die auch versklavt waren.
Obschon ich noch sehr jung war, wurde ich immer wieder geschlagen. Auch die Kinder von Mohammeds Frau, zwei Buben und ein Mädchen, waren sehr grausam zu mir. Ich musste in der Küche der fünfköpfigen Familie hart arbeiten und mich um das kleine Mädchen kümmern. Als sie heranwuchs, biss sie mir in den Arm und fügte mir eine Brandwunde zu. Man sieht die Narben heute noch.
Auch das Wundmal am Bein ist von Mohammeds Kindern. Sie hatten mich mit einem Messer attackiert. Und als Mohammed die Wunde sah, meinte er höhnisch: ‹Kein Problem. Sie ist eine Jengai (Neger).› Sowohl er als auch sein Sohn vergewaltigten mich mehrmals.

Beschneidung erzwungen

Ich blieb auch von der Beschneidung nicht verschont. ‹Wenn du bei uns bist, musst du sein wie wir!› meinten sie. Ich wollte mich dagegen wehren und wurde heftig zusammengeschlagen, bis ich den Widerstand aufgab. Vor der Beschneidung gaben sie mir den Namen Hawa. Ein alter Mann namens Abdullah führte die Genitalverstümmelung aus.

«Komm zurück zu mir»

Ich brachte einen Sohn zur Welt, dessen Vater Mohammed ist. Er gab ihm den Namen «Juma’a». Kurz darauf tauchte ein Mann bei Mohammeds Haus auf und sagte zu ihm, dass er die Dinkas mitnehmen wolle. Nach langen Verhandlungen willigte Mohammed ein. Beim Verlassen flüsterte er mir noch zu: ‹Flieh und komm zurück zu mir, sobald du im Süden bist!›
Doch ich wusste ganz genau, dass ich dies auf keinen Fall tun würde. Auch gab ich meinem Kind den Dinka-Namen Kuol, sobald ich Mohammeds Haus verlassen hatte. Juma’a ist ein arabischer Name, und ich habe unter meinem arabischen Sklavenhalter so sehr gelitten. 
Zusammen mit unserem Befreier liefen wir tagelang durchs Gebüsch und mieden die Strassen. Er sagte zu uns: ‹Wir gehen nach Dinkaland. Der Sudan ist nun in zwei Länder aufgeteilt. Ich bringe euch nach Hause und die Araber bleiben in ihrem Land.› Er ist ein guter Mann und ich hätte es ihm zu verdanken, wenn ich meine überlebenden Verwandten finden würde.
Dies ist nämlich meine grosse Hoffnung: Ich erinnere mich sehr gerne an meine Geschwister. Doch ich habe keine Ahnung, wer von ihnen überhaupt noch lebt. Ich habe sie seit dem Überfall nicht mehr gesehen. Ich weiss aber noch ihre Namen, genauso wie jene meiner Eltern.»
Ich werde alles daran setzen, meine überlebenden Verwandten zu finden.» Die Erfolgsaussichten dafür sind gut, falls noch Verwandte von Amel am Leben sind. Denn CSI nimmt die Angaben sämtlicher Rückkehrer auf und macht diese bei den Dorfältesten und Kirchen bekannt.
Reto Baliarda


 

Sklavenbefreiung im Sudan

Während Jahrzehnten tobte im Sudan ein Bürgerkrieg, der neben wirtschaftlichen auch ethnische (Araber gegen Schwarzafrikaner) und religiöse Motive (Muslime gegen Christen und Animisten) hatte. Hunderttausende wurden aus dem christlich-animistischen Süden in den arabischen Norden verschleppt und versklavt. Mit dem Friedensabkommen von 2005 hörten die Sklavenjagden auf.
CSI begann bereits 1995, die ersten Sklaven zu befreien. In den letzten 20 Jahren gelang es, über 100’000 Südsudanesen in ihre Heimat zurückzubringen. Bis heute werden nach vorsichtigen Schätzungen noch über 20’000 Menschen als Sklaven gehalten. CSI will weitermachen, bis der letzte Sklave frei ist.

Ihr Kommentar zum Artikel

Wir freuen uns, wenn Sie hierzu eine Rückmeldung oder Ergänzung haben. Themenfremde, beschimpfende oder respektlose Kommentare werden gelöscht.

Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.

Projekt Südsudan