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Unschuldiger seit vier Jahren im Gefängnis – CSI besucht seine Familie

23. April 2020

Der Christ Nabeel Masih wurde als Minderjähriger wegen angeblicher Blasphemie eingesperrt. Er wartet seit vier Jahren vergeblich auf seine Freilassung. Viele Blasphemie-Beschuldigte verbringen zehn oder noch mehr Jahre unschuldig im Gefängnis. Nabeel muss unverzüglich freigelassen werden.



Diese Protestaktion wurde beendet. Den aktuellen Protest finden Sie hier.

Interview mit Nabeel Masih: «Ich bitte Gott jede Minute um meine Freilassung»

Seit vier Jahren ist Nabeel Masih im Gefängnis. Um nicht von anderen Gefängnisinsassen bedroht zu werden, sitzt er in Einzelhaft. Die Zelle ist zwei auf zwei Meter klein, als Toilette dient ein Loch in der Ecke, Fenster gibt es keine, auch ein Ventilator fehlt, obwohl es in Pakistan im Sommer bis zu 45 Grad heiss wird.

Nabeel schläft auf einer dünnen Matte am Boden. Mehr gibt es nicht in der Zelle. Er kann weder lesen noch schreiben, seit vier Jahren macht er nichts. Doch er sagt, dass er näher zu Gott gefunden habe. Das einzige, was ihm noch Halt und Kraft gebe, sei sein Glaube. Auch ist er zutiefst dankbar, dass sich CSI für ihn einsetzt. Er ist froh zu wissen, dass sein kranker Vater und sein Bruder nicht mehr alleine kämpfen müssen.

Älterer Bruder bedroht

Der heute 19-jährige Christ Nabeel Masih ist seit 2016 im Gefängnis, weil Kollegen ihn der Blasphemie beschuldigten: Er soll auf Facebook ein Bild gepostet haben, auf dem ein Schweine­kopf auf der Kaaba (zentrales muslimisches Heiligtum in Mekka) abgebildet war. Gemäss Nabil erstellten seine Widersacher das Facebook-Profil unter seinem Namen und posteten das Bild – vermutlich aus Neid, weil sich Nabeel ein Handy leisten konnte. Wir berichteten im November 2019 über Nabil und riefen zum Protest  auf.  

Im   Februar 2020 hat unsere Pakistan-Projektleiterin Nabeels Angehörige in der Agglomeration von Lahore, Provinz Punjab, besucht. Nabeels Mutter ist verstorben, sein Vater ist alt und gebrechlich. Nabeel hat einen Bruder und vier Schwestern. Bis auf die älteste Schwester leben alle im Elternhaus. Dazu kommt noch das Kind der zweitältesten Schwester, die von ihrem Mann verlassen wurde und deshalb ins Elternhaus zurückkehrte.

Das einzige Einkommen der Familie ist jenes von Waqeel, Nabeels älterem Bruder. Er arbeitet als Tagelöhner in einer Kleiderfabrik. Sein Arbeitsweg führt ihn jeden Tag an den Häusern von Nabeels Anklägern vorbei. Sie bedrohen und warnen ihn, dass sie einen Freispruch nicht untätig hinnehmen würden.

CSI unterstützt Angehörige

Waqeel kann Nabeel jeden Freitag für eine halbe Stunde besuchen. «Es geht ihm nicht gut, die Situation im Gefängnis ist schwierig», berichtet er. «Mein Bruder weint viel. Er fühlt sich allein.»

Die finanzielle Situation der Familie ist angespannt, weil Waqeel immer wieder freinehmen muss: einerseits wegen der wichtigen wöchentlichen Besuche, andrerseits, weil immer wieder Gerichtstermine angesetzt sind. Diese werden jedoch ständig verschoben: Mal erscheint der Richter nicht, ein anderes Mal wird er ausgewechselt, dann wird gestreikt oder der Staatsanwalt ist nicht anwesend – Waqeel verliert jedes Mal einen ganzen Arbeitstag und damit ein Tageseinkommen.

Solche Schikanen haben System: Gerade Blasphemie-Verfahren werden wegen ihrer Brisanz gerne auf die lange Bank geschoben. Zudem werden die Angeklagten und ihre Angehörigen mit dieser Zermürbungstaktik zum Aufgeben gedrängt.

2018 wurde Nabeel in erster Instanz zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Anwalt hat das Urteil an das Obergericht in Lahore weitergezogen. CSI übernimmt die Anwaltskosten und leistet einen Beitrag an den Lebensunterhalt der Familie. Waqeel freut sich sehr über diese Hilfe: «Ich bin dankbar, dass [die CSI-Projektpartnerin] Mehwish sich um uns kümmert. Dank ihrer Hilfe kann ich meinem Bruder nun manchmal ein Geschenk wie Früchte oder Biskuits in die Zelle bringen.»

Verweigertes Recht

Leider ist Nabeel Masih kein Einzelfall. Breit anerkannte Rechtsgrundsätze werden in Pakistan Tag für Tag mit Füssen getreten. Besonders bizarr und verheerend ist die Ungerechtigkeit in Strafverfahren wegen angeblicher Blasphemie wie bei Nabeel.

Die christliche Tagelöhnerin Asia Bibi litt grundlos neun Jahre im Gefängnis bis zu ihrem Freispruch. Inzwischen sind ihre beiden Töchter erwachsen. Der Muslim Wajih-ul-Hassan war ganze 18 Jahre eingesperrt, bevor auch er im September 2019 freigesprochen wurde. Eine Entschädigung für die lange ungerechtfertigte Haft gibt es nicht, ja, er erhielt nicht einmal eine offizielle Entschuldigung.

«Verzögerte Gerechtigkeit ist verweigerte Gerechtigkeit» – bitte fordern Sie mit uns den pakistanischen Justizminister dazu auf, insbesondere in Blasphemie-Fällen ein rasches Gerichtsverfahren zu garantieren. Es darf nicht sein, dass Unschuldige jahrelang im Gefängnis leiden müssen! 

Pakistan-Projektleiterin | Adrian Hartmann | Mitarbeit von Nasir Saeed

 


Weihnachts-Schreibaktion für Nabil Masih

Wir bedanken uns bei allen ganz herzlich, die an der Weihnachts-Schreibaktion teilgenommen und Nabil Masih einen Brief oder eine Karte ins Gefängnis geschickt haben. Zu unserem grossen Bedauern hat er die Post aus der Schweiz nicht erhalten. Wir vermuten, dass die Gefängnisleitung sie zurückgehalten hat. Diese verweigert jegliche Auskunft. Trotzdem: Es hat Nabil Masih ermutigt, von dieser Solidaritätsaktion zu hören und zu erfahren: Ich bin nicht von aller Welt vergessen. Auch für die Gefängnisleitung sind die Karten und Briefe ein deutliches Zeichen grenzüberschreitender christlicher Solidarität.

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