Wegen Extremisten zwei Jahre von seiner Familie getrennt

02. Oktober 2017

Überfälle von Boko Haram rissen Emmanuels Familie auseinander. Erst nach einer zweijährigen Odyssee konnten Vater, Mutter und Kinder einander wieder in die Arme schließen. CSI-Projektmanager Franco Majok traf die Familie im Flüchtlingscamp in Jos.



Mit seinen muslimischen Nach­barn hatte Emmanuel Yusuf stets in Frieden gelebt. Der sechsfache Familienvater arbeitete als Bauer im Dorf Chinene im nordöstlichen Bundesstaat Borno.

Das friedliche Dorfleben begann sich zu trüben, als die «Agaji Boys», eine lokale Gruppe junger Muslime, zusehends unter den Einfluss der Terrorgruppe Boko Haram geriet. «Sie schmiedeten Pläne, um die Christen im Dorf anzugreifen», erzählt Emmanuel gegenüber Franco Majok.

Die schlimmen Absichten der Islamisten wurden bald schreckliche Realität. Anfang Juni 2014 sammelten sich bewaffnete Islamisten in den Bergen rund um Chinene für einen Angriff auf christliche Dorfbewohner. «Sie hatten sich wohl gedacht, dass niemand von ihrem Plan erfahren würde. Doch einige Kinder, die in den Bergen Holz zum Kochen sammelten, sahen, wie sich die Angreifer mit ihren Waffen versteckten. Leider machten die Kinder den verhängnisvollen Fehler, dass sie zu offensichtlich nach Hause rannten, um ihre Eltern zu warnen. Die Islamisten verfolgten sie und stürmten das Dorf. Sie erschossen mehrere Christen und setzten Häuser und Kirchen in Brand.

Emmanuel sass gerade mit seinen Freunden zusammen, als er die Bewaffneten heranstürmen sah. «Wir flohen in die Hügel, um uns dort zu verstecken.» Der sechsfache Familienvater hatte die richtige Entscheidung getroffen. Die Erfahrungen mit Überfällen durch Boko Haram hat immer wieder gezeigt, dass christliche Männer sofort umgebracht werden. Frauen und Kinder werden manchmal entführt, häufig aber können sie in dem von Boko Haram eingenommenen Dorf bleiben, müssen sich aber der Willkür der Extremisten unterwerfen. Entsprechend kehrte Emmanuels Frau mit den Kindern am nächsten Tag in ihr Haus zurück, das beim Übergriff verschont geblieben war.

Lebensrettende Warnung

Auch Emmanuel wagte sich tags darauf aus seinem Versteck, denn er wollte wissen, wie es um seine Familie stand. Schon am Dorfrand von Chinene packte ihn das Entsetzen. Überall sah er Leichen von christlichen Männern und trauernde Frauen.

Doch Zeit zu trauern blieb ihm nicht, geschweige denn seine Familie zu sehen. «Als einige Muslimische Frauen mich sahen, kamen sie hastig auf mich zu und sagten mir, dass ich sofort wieder fliehen sollte. Boko-Haram-Extremisten seien unterwegs und marodierten in den Nachbardörfern. Es drohe auch ein erneuter Überfall auf Chinene.» So floh Emmanuel erneut Hals über Kopf in die Hügel, ohne zu wissen, was aus seiner Familie geworden war.

Emmanuels schier endlose Odyssee

Mit dem Handy eines anderen Christen konnte Emmanuel seine Frau über sein Versteck informieren. «Jeden Tag besuchte sie mich und brachte mir zu essen», erklärt er dankbar. Doch mit der Zeit wuchs bei ihm die Angst um seine Familie. Nach gemeinsamen Beratungen beschlossen sie, die Gegend zu verlassen. Die Frau und die Kinder sollten vorerst in die Grossstadt Maiduguri gehen, wo auch der Vater von Emmanuels Frau lebte. Da die Region um Maiduguri zu dieser Zeit von Boko Haram kontrolliert wurde, wäre es für Emmanuel zu riskant gewesen, die Familie zu begleiten.

Wie viele andere Christen aus der Region floh er zunächst ins friedliche Nachbarland Kamerun. Doch aus Angst vor Boko Haram wies Kamerun die Flüchtlinge bald wieder aus. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe für seine Familie zog Emmanuel in den folgenden Monaten durch viele Regionen in Nigeria. Er versuchte, sich im Bundesstaat Adamawa in der Hauptstadt Yola niederzulassen. Doch auch hier fühlte er sich unter der muslimischen Mehrheit auf lange Sicht nicht sicher. So beschloss er, weiter Richtung Süden des Landes zu ziehen, wo Christen die Bevölkerungsmehrheit bilden.

Sein Weg führte ihn schliesslich in die südwestliche Grossstadt Lagos. Dorf erfuhr er von einem christlichen Flüchtlingslager in der zentralnigerianischen Stadt Jos, das von der evangelischen Stefanos Foundation, einem Partner von CSI, betrieben wird. «Voll neuer Hoffnung rief ich meine Frau an und berichtete ihr davon. Da die Lage in Maiduguri angespannt war, entschloss sie sich, mit den Kindern in dieses Camp zu ziehen», erinnert sich Emmanuel. Er selbst blieb noch mehrere Monate in Lagos, bevor er Mitte 2016 ebenso das Flüchtlingscamp in Jos erreichte.

Neue Zuversicht

Unter Freudentränen konnte Emmanuel nach fast zwei Jahren seine Frau und die Kinder wieder in die Arme schliessen. Die wiedervereinte Familie ist dankbar für die sichere Umgebung und die umsichtige Betreuung im Lager. Nach den schlimmen Erfahrungen kann die Familie hier zur Ruhe kommen, neue Kräfte sammeln und einen Plan für die Zukunft entwickeln. Emmanuel träumt noch immer davon, dass sich die Zeiten bessern und sie eines Tages wieder nach Chinene zurückkehren können, um dort wieder das Feld zu bestellen und in Frieden zu leben.

Reto Baliarda

 

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