Weihnachten hinter Gittern

21. November 2011

Dieses Jahr erschien ein Buch von Asia Bibi, in dem sie über ihre Haftbedingungen, ihre Angst, ihre Mutlosigkeit schreibt. Dennoch keimt schwach Hoffnung auf.



«Ich lege meine Hand auf meine Brust, die so flach wie ein Holzbrett geworden ist. Mein Bauch ist ausgehöhlt, meine Schenkel sind abgemagert, meine Arme sind dünn geworden und wenn ich meine Hände anschaue, könnte ich meinen, ich sei schon tot. Ich möchte weinen, aber ich habe heute keine Tränen. Ich möchte schreien, aber ich spüre, dass ich keine Stimme mehr habe. Mein Atem ist sehr schwach und reicht gerade noch, um nicht zu sterben. Ich möchte mir die Haare ausraufen, aber ich liebe sie sehr. Ich habe hier gelernt, zu krepieren und trotzdem am Leben zu bleiben.»

Das ist Asia Bibi. Seit zweieinhalb Jahren ist eine kalte, feuchte Gefängniszelle ihr Zuhause. Aus Sicherheitsgründen wird sie von einer Videokamera pausenlos überwacht. Sie kocht ihr Essen selber, damit man sie nicht vergiften kann. Ihr Gefängniswärter beschimpft und schikaniert sie.

«Der glücklichste Tag im Jahr»

2008 hat Asia das letzte Mal mit ihrem Mann Ashiq und den fünf Kindern Weihnachten feiern können, «für uns, die wir Jesus begegnet sind, der glücklichste Tag im Jahr». Sie hatte viel gearbeitet, um sich ein neues Kleid kaufen zu können. Es war grün-weiss wie die Flagge Pakistans: grün für den Islam, weiss für die Minoritäten. Zusammen mit der einzigen christlichen Familie in ihrem Heimatdorf Ittanwali fuhren sie zur Kirche in Sheikhupura. Nach der dreistündigen Messe versammelten sich die Christen auf dem kleinen Platz vor der Kirche um mehrere Feuer, wo sie die Geburt Jesu erneut besangen und beteten. Jede Familie brachte ihren Weihnachtskuchen mit. Asia hatte wie jedes Jahr zusammen mit ihrer Nachbarin einen riesigen Weihnachtskuchen gebacken.

Ein seltsames Geräusch in ihrem Bauch reisst Asia Bibi aus ihren Gedanken. Eine unendliche Traurigkeit befällt sie. Diese Kirche liegt doch ganz in der Nähe vom Gefängnis, sie könnte sie sogar zu Fusserreichen! Da kommt überraschend nobia. Zénobia ist ein Lichtblick im Gefängnis. Normalerweise ist Khalil für Asia zuständig, der keine Möglichkeit auslässt, um sie zu demütigen und zu schikanieren. Sie fürchtet sich vor ihm, fürchtet, dass er sie tötet. Zénobia dagegen ist auch Christin. Obwohl sie nicht arbeiten müsste, kommt sie zu Asia. Sie putzt die Zelle, hat sogar Rosenduft dabei. Und schliesslich drückt sie Asia noch ein Stück Weihnachtskuchen in die Hand. Asia hat Tränen in den Augen. Sie empfindet die Trennung von ihrem Mann Ashiq und ihren Kindern umso schmerzlicher: Imran, Nasima, Isha, Sidra und die erst 9-jährige Isham. Asia denkt an ihre geistig behinderte 15-jährige Tochter Isha, die nicht versteht, wo die Mama ist.

Der schlimmste Tag im Leben

Wer versteht das schon! Warum ist Asia Bibi im Gefängnis? Am 14. Juni 2009 pflückte sie zusammen mit anderen Frauen Beeren. In einer Pause trank sie Wasser und reichte den Becher einer Frau neben ihr, da schrie eine der Frauen: Trink nicht, es ist haram (unrein)! Asia habe den Becher verunreinigt, weil sie Christin sei. Daraus dürften sie als Musliminnen nicht mehr trinken. Und das bei 45 Grad – es gab nur diesen einen Becher.

Asia ist sich zwar gewohnt, zu schweigen und sich anzupassen. Dass sie für den gleichen Lohn ein grösseres Becken füllen muss als alle anderen, ist für sie normal. Sie freut sich, dass ihre Kinder in der Schule zusammen mit den andern den Koran lesen lernen. Während der Gebetszeiten legt sie sich ein Kopftuch auf den Kopf und während des Ramadans isst die Familie ausserhalb des Hauses nichts. Aber dass sie nun beschimpft und ihr Glaube schlecht gemacht wird, erträgt sie nicht: «Ich will nicht konvertieren. Ich glaube an meine Religion und an Jesus Christus, der für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben ist. Was hat denn euer Prophet Mohammed getan, um die Menschen zu retten? Und warum sollte ich konvertieren und nicht ihr?»

Die Frauen stürzen sich wütend auf sie, beschimpfen sie als wertlos, als dreckige Hure, und schlagen sie. Schliesslich gelingt es Asia aufzustehen. Sie rennt so schnell sie kann  nach Hause – schluchzt und schluchzt. Ashiq besänftigt sie: Die Frauen haben das schon vergessen. Aber Asia hat Angst. Berechtigte Angst. Fünf Tage später wagt sie sich wieder auf das Feld. Zuerst geht alles gut. Dann aber kommt ein Mob – alles Muslime aus ihrem Dorf! – schreiend auf sie zu: Sie habe Mohammed beleidigt und müsse sterben. Sie wird halbtot geschlagen, beschimpft, vom Imam verhört. Schliesslich «rettet» die Polizei sie und wirft sie ins Gefängnis. Wenig später müssen auch Ashiq und ihre fünf Kinder das Dorf verlassen, weil sie mit dem Tod bedroht werden.

Autor: Adrian Hartmann

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