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Wer christliche Lieder singt…

16. November 2015

Hauskirchen-Pastor Zhao Weiliang und Gemeindeglied Cheng Hongpeng aus der ostchinesischen Küstenprovinz Shandong wurden am 23. April 2015 zu vier bzw. drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die kommunistischen Behörden werfen ihnen staatsfeindlichen Kult vor.



Am 25. Juni des vergangenen Jahres singen Pastor Zhao Weiliang und Cheng Hongpeng mit ihrer Gemeinde christliche Lieder in einer Holzverarbeitungsfabrik, die der Gemeinde als Hauskirche dient. Plötzlich dringen 30 Polizisten ein. Sie lösen die Versammlung auf, nehmen Pastor Zhao, Cheng Hongpeng und 22 weitere Gemeindeglieder sogleich mit. Während die übrigen Gläubigen im Lauf des kommenden Monats freigelassen werden, harren die führenden Gemeindeglieder Pastor Zhao und Cheng Hongpeng eines Gerichtsprozesses.

Am ersten Prozesstag geschlagen

Am 22. April 2015, nach zehn Monaten, ist es soweit: Pastor Zhao Weiliang und Cheng Hongpeng müssen vor einem Richter in Cao County erscheinen. Schon nach Abschluss des ersten der zwei Verhandlungstage wird Pastor Zhao geschlagen, am Boden mit Füssen getreten und heftig geohrfeigt.

Am 28. Mai werden die Urteile öffentlich bekannt gemacht: vier Jahre Gefängnis für Pastor Zhao, drei Jahre für Cheng Hongpeng. Ihnen lasten die kommunistischen Behörden die angebliche Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Total Scope Church bzw. Bewegung wiedergeborener Christen vor, die sie als staatsfeindlichen Kult brandmarken.

Beteuerungen der beiden Angeklagten und ihrer Gemeinde, sie hätten von jener Gruppe nicht einmal gehört, stellen sich die Justizbehörden gegenüber taub. Die Urteile gegen Pastor Zhao und Cheng Hongpeng stützen sich auf Aussagen, die «Zeugen» unter Folter abgepresst wurden oder auf fingierte Kopien von Dokumenten, die die beiden Christen belasten sollen.

Nicht anerkannte Hauskirche

Tatsächlich gehören Pastor Zhao, Cheng Hongpeng und die anderen 22 Christen, die an jenem 25. Juni 2014 festgenommen wurden, zu einer Hauskirche. Wie viele andere weigert sich auch diese Gemeinschaft, sich der staatlich anerkannten Drei-Selbst Patriotischen Bewegung (TSPM) anzuschliessen. Die TSPM unterliegt der strengen Kontrolle der kommunistischen Staatsmacht, die ihrerseits dafür sorgt, dass sämtliche Gemeindeaktivitäten, so auch Gottesdienste und Predigten, im Einklang mit der offiziellen Staatsdoktrin stehen.

Kirchen zerstört – Anwälte verhaftet

Gemäss der renommierten christlichen Menschenrechtsorganisation China Aid nahm 2014 mit 572 bekannten Fällen die Repression gegen Christen in China um 300 % gegenüber dem Vorjahr zu. Damals waren es «nur» 143 Fälle. Von der Repression am stärksten betroffen sind jene chinesische Provinzen, deren Christenanteil besonders stark wächst, so die im Norden Chinas gelegene Provinz Hebei, die südlichen Provinzen Guangdong und Sichuan sowie die südöstliche Provinz Zhejiang.

Zu den sichtbarsten Zeichen dieser staatlichen Verhärtung gehören die Zerstörung staatlich nicht anerkannter und als «illegal» gebrandmarkter Hauskirchen sowie die Zwangsentfernung von Kreuzen auf Kirchendächern. Allein im vergangenen Jahr wurden in der oben genannten Provinz Zhejiang mindestens 425 derartige Kreuze abmontiert.

Von der Massnahme wurden selbst Kirchen und Gemeindeglieder betroffen, die zur offiziellen Drei-Selbst-Patriotischen Bewegung (TSPM) gehören. So sind nun zunehmend sogar von der TSPM Proteste gegen die offizielle chinesische Kirchenpolitik zu verzeichnen, wie sie gerade von ihrer Seite in den vorangegangenen Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft kaum je zu vernehmen waren.

Und nicht zuletzt wurden auch Gemeindeglieder und Geistliche festgenommen, die sich der Repression erwehrten, ebenso wie Rechtsanwälte, welche diese Christen vor Gericht zu verteidigen versuchten: Seit 2011 fielen über 200 Anwälte der Inhaftierung, dem Entzug des Anwaltspatentes oder einer hohen Busse zum Opfer.

Max-Peter Stüssi ca | mns

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