Wie veränderte Menschen die Gesellschaft verändern

21. Januar 2014

Das von CSI gegründete Hilfswerk Intsol schult SlumbewohnerInnen, sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Intsol hat viel dazu beigetragen, dass sich das Leben in den Slumgebieten verbessert hat, obwohl sie von der Regierung weiterhin vernachläßigt werden.



Im ersten Gang fahren wir mit dem Hyundai-Bus auf der sandigen Strasse die Siedlung hinauf. Wir überholen dabei in die Jahre gekommene Motorrikscha-Taxis, die knatternd den Berg hochkriechen und schwarze Wolken hinter sich lassen. «Die Leute leben hier sehr gefährlich», erklären uns unsere peruanischen Projektpartner von Integration und Solidarität (Intsol). «Wenn es regnet, können Geröll und Sand ins Rutschen geraten und die Behausungen mitreissen.»

Von Regierung vernachlässigt

Wir befinden uns in Huaycán, einem Vorort der peruanischen Hauptstadt Lima. Die Siedlungen heissen hier «Zone R» oder «Zone Z». Diese Zonen entstanden in den 80er Jahren, als zahlreiche Bewohner aus den Anden nach Huaycán flüchteten, weil sie zwischen die Fronten des Bürgerkriegs gerieten. Jahrzehntelang bekämpften sich die marxistische Guerilla Leuchtender Pfad und die Armee. Der Bürgerkrieg ist inzwischen zwar beendet, aber der Strom von Zuzüglern ist nicht abgebrochen – ihre behelfsmässigen Unterkünfte ziehen sich immer höher die Hügel hinauf. Aus den «Zonen» sind längst richtige Siedlungen mit Zehntausenden Bewohnern geworden. Wer kann, hat sich eine Hütte aus Stein gebaut.

Die Neuankömmlinge bekommen kaum Hilfe von der Regierung. Es herrschten Chaos und Elend; Korruption, Missbrauch und Kriminalität sind weit verbreitet. Die Seuchen- und Verletzungsgefahr ist gross, gibt es doch häufig weder Abwasserversorgung noch Wegbeleuchtung. In dieser Situation ist es unabdingbar, dass sich die Bürger selbst engagieren. Doch die meisten sind in Lethargie und Resignation gefangen. Genau hier setzt Intsol an. Intsol bietet den Slumbewohnern Workshops an, zum Beispiel über gesunde Ernährung, Hygiene und Kindererziehung. Besonders hilfreich sind die Kurse zur Prävention von häuslicher Gewalt und die Schulungen über die Rechte der Bewohner, die sie dann auch bei staatlichen Stellen einfordern können. Die Workshops zahlen sich aus: Heute gibt es in manchen Teilen der Slumgebiete Strom und viele Bewohner haben eine Identitätskarte bekommen – erst diese ermöglicht ihnen Gesundheitsversorgung und Schulbesuch.

«Ein wunderbares Vorbild»

Eine der Slumbewohnerinnen in der Zone R ist Margerita. Sie begegnet uns als fröhliche Frau. Doch das war nicht immer so: Früher wurde sie von ihrem Mann geschlagen und war stark verschüchtert. Heute setzt sie sich für das Allgemeinwohl ein: Sie arbeitet halbtags als Lehrerin für Kleinkinder. Vom Staat bekommt sie (wenn auch oft mit Verspätung) einen kleinen Lohn. Für Einrichtungsgegenstände wie Möbel muss sie selber aufkommen. «Margerita ist für andere ein wunderbares Vorbild», berichtet Marilú, die Leiterin von Intsol. Margerita habe es gewagt, über ihre Probleme zu sprechen. Damit auch andere von der Hilfe, die sie empfangen hat, profitieren können, sei sie von Haus zu Haus gegangen, um den Müttern von den Intsol- Workshops zu erzählen. Mit einem Strahlen im Gesicht und einem endlosen «Gracias, gracias» verabschiedet sich Margerita von uns. Später lernen wir Familien kennen, die sich dank Margerita ebenfalls für ihre Mitbewohner im Slum einsetzen wollen.

Der Segen zieht Kreise

Es ist ein wichtiges Treffen, dem wir beiwohnen dürfen: Mütter und Familien haben sich versammelt, die die Workshops bereits besucht haben und nun selber Verantwortung für andere Familien übernehmen sollen. Etwa vierzig Personen sind da, unter ihnen sogar sieben Männer. Einige der Eltern sind noch im Teenageralter, viele haben ihre Kinder mitgenommen. In entspannter Atmosphäre klären die Intsol-Mitarbeiter Hugo und Gladys die Prioritäten ab. Was ist ihnen am wichtigsten: Kindererziehung, Kriminalität, Transport, Werte – die Eltern diskutieren eifrig mit. Besonders aktiv sind Maria und ihr Mann – ihre Ausgangslage ist ähnlich wie bei Margerita: Früher habe ihr Mann sie geschlagen, berichtet Maria. Sie sei sehr einsam und verschlossen gewesen. «Ich erschrak sehr, als ich merkte, dass durch meine eigene Scheu auch meine Kinder kaum fähig waren, Kontakt zu anderen Kindern aufzubauen», erinnert sich Maria im anschliessenden Gespräch. Das habe ihr die Augen geöffnet und sie habe allen Mut zusammengenommen, um sich für die Mutter-Kind-Treffen einzuschreiben, die Intsol zweimal pro Woche anbietet. «Ich lernte, dass ich die Verantwortung für meine Familie habe, damit sich diese wohl fühlt.» Sie habe gelernt, eine gute Frau und Mutter zu sein. «Heute schlage ich meine Kinder nicht mehr, lasse sie nicht alleine zu Hause und nehme mir Zeit für sie.» Auch setze sie sich jetzt für die Allgemeinheit ein, damit sich das Leben im Slum verbessert. «Früher war ich lethargisch und innerlich blockiert. Das hat sich jetzt komplett geändert.»

Die anwesenden Slumbewohner ruft Maria dazu auf, aktiv zu werden und die Mühe nicht zu scheuen. Bereits der weite Weg zum Workshop könne zwar wegen der Hitze, dem Staub und dem schwierigen Gelände eine Herausforderung sein, aber es lohne sich: «Kinder sollen in unseren Zonen Platz haben. Denn Kinder sind das Schönste, was Gott uns geschenkt hat.»

«Ein Halt für uns Teenager»

Intsol arbeitet auch mit Kindern und Jugendlichen. Der Schwerpunkt liegt auf den Teenagern. «Das ist ein kritisches Alter», begründet Intsol-Mitarbeiterin Salome. «Sie verlassen die Schule, arbeiten, manche rutschen in die Kriminalität ab, die Frauen werden früh schwanger.» An zwei Schulen behandelt sie mit den Kindern Themen wie Konfliktbewältigung, Sexualität, Schwangerschaft, Umgang mit Freunden und Familie oder Laufbahnplanung. Gleichzeitig schult Intsol auch die Lehrer, die oft schlecht ausgebildet sind. «Wir wollen ein Lehrprogramm zusammenstellen, das die Lehrer dann selber verwenden können», sagt Salome. Unter Salomes Schülern sind die 15-jährige Luz, der 16-jährige Percy und der 14-jährige Jersin. Der Intsol-Unterricht sei eines ihrer Lieblingsfächer, berichten sie übereinstimmend. «Diese Stunden finde ich extrem gut», sagt uns Luz. «Sie geben mir und vielen anderen Teenagern Halt, Mut und hilfreiche Ideen für die Zukunft.»

Veränderte Menschen

Wir trafen auf unserer Reise viele Menschen, die Intsol für die bereits 20-jährige Tätigkeit ihren tiefen Dank aussprachen. Das Leben von vielen Kindern, Jugendlichen, Vätern und Müttern wurde grundlegend verändert: Unwissenheit wich dem Wissen, Angst dem Mut, Unrecht dem Recht, Scheu dem Selbstvertrauen, Gewalt dem Respekt, Egoismus der Solidarität, Macho-Gehabe dem Familiensinn, Misstrauen dem friedlichen Zusammenleben. Dadurch hat sich nicht nur das Leben von einzelnen, sondern auch das Leben von ganzen Siedlungen verbessert.

Autoren: Projektleiterin Inés Wertgen | Adrian Hartmann

 


 

«Integration und Solidarität» (Intsol)

Das von CSI gegründete Hilfswerk Intsol – Integración y Solidaridad (Integration und Solidarität) – setzt sich seit über20 Jahren für die Slumbevölkerung in Lima ein. Die aktuellen

Schwerpunkte:

Für Eltern

  • Kurse über Verantwortung, Ernährung, Hygiene, Familienleben und Rechte
  • Gesundheitskampagnen
  • Beschaffung von Identitätskarten, die für alle staatlichen Dienstleistungen nötig sind
  • Mutter-Kind-Gruppen

Für 180 Jugendliche

  • Betreuung und Erteilung von Unterricht zu jugendrelevanten
  • Themen wie Sexualität und Laufbahnplanung
  • Unterstützung bei der Suche nach Ausbildung und Arbeitsstelle
  • Schulung von deren Eltern und Lehrern

Allgemein

  • Förderung von Kleinunternehmen
  • Verbesserung der Infrastruktur in Zusammenarbeit mit Slumbewohnern und lokalen Behörden (Wasser, Abwasser, Elektrizität, Sicherheit, öffentliches Verkehrsnetz, Strassen, Schulen, usw.)
  • Lobbying beim Staat für die Bevölkerung der Slumgebiete 
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Projekt Peru