Wie weiter nach der Niederlage des IS?

23. März 2018

Die Terrormiliz IS hat ihr gesamtes Territorium im Irak verloren. Die Situation in der Ninive-Ebene bietet zwar große Chancen, jedoch birgt sie ebenso viel Konfliktpotenzial. Werden Christen dort überleben können?



Am 9. Dezember 2017 verkündete der irakische Premierminister Haider al-Abadi feierlich die «komplette Befreiung» aller Gebiete, die vormals unter der Kontrolle des sogenannten Islamischen Staats waren. Eine neue Phase der Stabilität, der Aussöhnung und des Wiederaufbaus sollte für das Land beginnen.

Eine Woche später war CSI vor Ort. Abschliessend führte der prominente irakische Journalist Adel Sa’ad ein Interview mit CSI-Nahost-Projektleiter John Eibner über dessen Beobachtungen.1 Eibners Prognosen sind verhaltener als die des Premierministers.

Über 4000 Familien nach Karakosch zurückgekehrt

Natürlich gibt es Entwicklungen, die Anlass zur Hoffnung geben. So sind über 4000 Familien nach Karakosch zurückgekehrt, der einst grössten christlichen Stadt im Irak. Es kommt wieder Leben in die Strassen von Karakosch, wo vor dem Einmarsch des IS über 50 000 Einwohner lebten. Einige Familien sind sogar aus benachbarten Ländern zurückgekehrt, einzelne auch aus Europa. Nach und nach werden Geschäfte und Restaurants eröffnet: Die Einwohner bemühen sich, für ihre Familien und Gemeinschaften eine bessere Zukunft aufzubauen.

Ihr Lächeln strahlt Hoffnung aus, doch auch Sorgen sind da: Der Wiederaufbau der Infrastruktur kommt nur langsam in Gang, es wird dringend sauberes Wasser benötigt. Befürchtungen, dass es jetzt nur eine kurze Zeit der Ruhe vor einem neuen Sturm sein könnte, sind allgegenwärtig. Gelegentliche Auseinandersetzungen zwischen den Milizen in der Region tragen wenig dazu bei, diese Sorgen zu zerstreuen.

Eine komplett veränderte Region

Dementsprechend stuft Eibner die Lage im Nordirak nur verhalten optimistisch ein: «Die militärische Niederlage des IS und die Rückeroberung der Provinz Ninive durch die irakische Armee sowie staatliche und nichtstaatliche Verbündete haben die Sicherheitslage zwar verbessert. Die grundlegende Voraussetzung für den Wiederaufbau in einem stabilen Umfeld wäre gegeben.»

Während seines dritten Besuchs von 2017 in der Ninive-Ebene sah er Zeichen der Hoffnung: «In den vorwiegend christlichen Ortschaften Karakosch, Karamles und Telskuf sah ich, wie vertriebene Familien ihre Häuser wieder instand setzen, in der Regel mit der Unterstützung von Kirchen, Hilfsorganisationen und der ungarischen Regierung».

Trotzdem bleibt die Realität düster: «Viele werden nicht zurückkehren. Ein grosser Teil der Bewohner der Städte befindet sich jetzt im Ausland – in Europa, Nordamerika und Australien – und wird sich nie mehr im Irak niederlassen. Andere werden im irakischen Kurdistan oder in Bagdad bleiben.» Selbst von denen, die in die Region zurückgekehrt sind, wollen einige nach wie vor auswandern.

Das Leben in der Provinz Ninive wird wohl nie mehr so sein wie früher, bevor der IS kam.

Notwendigkeit langfristiger Sicherheit

Um den weiteren Exodus irakischer Christen aus dem Land ihrer Vorfahren zu verhindern, ist eine «Perspektive langfristiger Sicherheit in Ninive und der gesamten Region» notwendig. Für Dr. Eibner ist Sicherheit im Sinne von Absenz von Gewalt nicht ausreichend: Sie dürfte ebenfalls «keinerlei Bestrebungen der Machthaber beinhalten, die religiösen Minderheiten noch weiter auszuhöhlen.»

Unglücklicherweise sind die Gebiete, die vorher unter der Kontrolle des IS waren, jetzt in den Händen verschiedener bewaffneter Gruppen, die jeweils unterschiedlichen politischen Machthabern unterstellt sind.» Insbesondere die kurdische Regionalregierung (KRG) und die irakische Zentralregierung streiten um diese Gebiete.

Es braucht konkrete Schritte

Damit alle Iraker – gleich welcher Religion – in Frieden in ihrem Land wohnen können, muss der irakische Staat gestärkt werden und gleiche Bürgerrechte für alle sowie internationale Menschenrechtsnormen respektieren.

Zudem müssen die ausländischen Mächte auf ihre Regimewechsel-Politik verzichten und aufhören, den Irak und Syrien als Kampfgebiet für Stellvertreterkriege zu benutzen. Stattdessen sollten sie ihre Energie für den Wiederaufbau einsetzen. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, haben die Provinz Ninive und der Rest des Landes eine Chance, so die Einschätzung von Eibner.

Rückkehrern beistehen

CSI unterstützt die Rückkehrer weiterhin. Die Familien erhalten vor allem Wasserfilter, damit sie mit sauberem Trinkwasser versorgt werden. Zudem wurden auf der letzten Reise im Dezember 2017 Winterjacken an bedürftige Familien verteilt.

Hélène Rey

 

 


 

Christina bei ihrer Familie

Die kleine Christina Khader Ebada wurde vom IS während dem Überfall auf Karakosch im August 2014 gekidnappt. Christina war damals dreijährig. Im Juni 2017, während einer Militäroperation gegen den IS in Mosul, wurde sie gerettet und mit ihren Eltern in einem Camp in Erbil wiedervereint.

Als CSI im Dezember 2017 den Irak besuchte, waren wir sehr erfreut zu erfahren, dass die Familie nach Karakosch zurückgekehrt ist, und besuchten sie in einer provisorischen Unterkunft. Ihr Haus wurde zu dem Zeitpunkt wieder instandgesetzt. Christina erholt sich allmählich und ist dabei, ihre Muttersprache – eine Form der aramäischen Sprache – wieder neu zu erlernen.

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Projekt Irak