• Armenien
  • Schweiz

«Wir müssen einen weiteren Genozid verhindern»

09. Oktober 2020

Der aserbaidschanisch-türkische Angriff auf Berg-Karabach bewegt auch die Armenier in der Schweiz. Am 8. Oktober 2020 versammelten sich rund 150 mehrheitlich jüngere Personen zu einer Kundgebung auf dem Zürcher Paradeplatz. CSI-Geschäftsführer Dr. John Eibner sprach den Teilnehmenden Mut zu.



Die kreativ gestalteten Transparente der Kundgebung waren für die Passanten am Zürcher Paradeplatz nicht zu übersehen. Dem Organisator, der armenischen Gemeinde Zürich, war es jedoch noch wichtiger, dass die rund 150 Teilnehmenden die Öffentlichkeit mit der Botschaft der friedlichen Protestversammlung erreichen konnte.

Endziel: Komplette Vernichtung der Armenier

«Seit 12 Tagen wird unser Volk in Berg-Karabach von Aserbaidschan, der Türkei und Dschihadisten aus Syrien angegriffen», betont Petrosyan*, einer der verantwortlichen Organisatoren der Kundgebung. Dabei würden auch völkerrechtswidrige Massenvernichtungswaffen eingesetzt. Die internationale Gemeinschaft müsse wachgerüttelt werden. Denn wenn die Angriffe nicht gestoppt werden und Berg-Karabach von Aserbaidschan erobert wird, droht eine humanitäre Katastrophe. «Dann werden alle Armenier dort aus ihrer Heimat gewaltsam vertrieben», ist er überzeugt.

Zudem warnt er: «Das Endziel von Aserbaidschan und den Türken ist die komplette Vernichtung des armenischen Volks.» Vom Bundesrat erhofft sich Petrosyan, dass er eine klare Position für die bedrohten Armenier in Berg-Karabach bezieht und allenfalls auch Sanktionen gegen Aserbaidschan und der Türkei verhängt. Er freue sich, dass einige Schweizer Politiker sich besonders aktiv für die Armenier in Berg-Karabach einsetzen.

Genozid unbedingt verhindern

Zu den eingeladenen Ehrengästen der Kundgebung gehörte auch Dr. John Eibner. Der CSI-Geschäftsführer mahnte unmissverständlich: «Einen weiteren Genozid gegen die Armenier darf es auf keinen Fall geben! Wir müssen ihn verhindern.»  Eibner betonte, dass der Völkermord an den Armeniern nicht nur im Ersten Weltkrieg stattfand. Es handle sich vielmehr um einen «Prozess», der mit den weit verbreiteten Massakern an Armeniern in Anatolien Ende des 19. Jahrhunderts begann und mit der ethnischen Säuberungskampagne Aserbaidschans in Berg-Karabach in den 1990er Jahren fortgesetzt wurde. «Heute», sagte er, «beginnt dieser Prozess von neuem.»

Im Weiteren hob John Eibner die vorbildliche Rolle hervor, die Schweizer Missionare während des Völkermords im ersten Weltkrieg spielten. Er forderte die Schweiz auf, diese humanitäre Tradition mit drei Schritten zu ehren: Erstens müsse die humanitäre Hilfe zur Unterstützung der Vertriebenen und Verwundeten in Berg-Karabach beschleunigt werden. Zweitens sollten die verantwortlichen Politiker dafür sorgen, dass keine Schweizer Waffen den Weg zu den Aggressoren in diesem Konflikt finden.

Schliesslich forderte er die Schweiz auf, das Recht auf Selbstbestimmung der Bewohner von Berg Karabach anzuerkennen, so wie sie das Selbstbestimmungsrecht des kosovarischen Volkes anerkennt. Auch im umstrittenen Gebiet Kosovo war die Zivilbevölkerung Angriffen ausgesetzt.

Der CSI-Geschäftsführer sicherte den anwesenden Armeniern die Unterstützung und Solidarität von CSI zu. «Ich selbst besuchte Anfang der 90er Jahre mehrmals die Region Berg-Karabach. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sehr das armenische Volk unter den Angriffen der Aserbaidschaner gelitten hat. Ich bin dankbar, dass CSI sich damals humanitär, aber auch politisch, für die Armenier in Berg-Karabach einsetzen konnte. Genauso könnt ihr euch auch jetzt unserer Unterstützung sicher sein», betonte Eibner, der für sein engagiertes Plädoyer viel Applaus erhielt.

«Gegen die Vernichtung von Armenien»

Philip Egger, Kaukasus-Experte und Senior Direktor von «Fondation des Fondateurs» lobte den Genfer Stadtrat für die Verurteilung der Aggression gegenüber Berg-Karabach vom 7. Oktober 2020. «Ich rufe die Politiker in der Schweiz und in allen anderen Ländern auf, sich gegen die Vernichtung der armenischen Nation zu stellen. Dem armenischen Volk müssen ein für allemal internationale Garantien für Sicherheit und Anerkennung gegeben werden», so Egger.

Passanten auf den Terror aufmerksam gemacht

Während der rund dreistündigen Kundgebung auf dem Paradeplatz verteilten die mehrheitlich jungen Teilnehmenden Info-Flyers zur Lage Berg-Karabach an die Passanten oder hielten offenkundig ein Transparent, das die Attacken von Aderbaidschan und der Türkei verurteilt.

Zu ihnen gehörte auch der Armenier Vahan Markarjan. «Ich möchte die Menschen in der Schweiz über den Terror informieren, den Aserbaidschan und die Türkei auf mein Volk ausüben. Für Aserbaidschan haben die Armenier in Berg-Karabach kein Existenzrecht», erklärt er. Die Aserbaidschaner wollen seiner Ansicht nach einfach das Territorium erobern, ohne Rücksicht auf Verluste. Von der Schweiz erhofft sich Markarjan diplomatische Unterstützung für die Armenier.

Auch Margarita Avanesova ist es ein grosses Anliegen, die Schweiz auf die terroristischen Attacken gegen ihr Heimatland aufmerksam zu machen. «Es besteht die Gefahr eines weiteren Genozids gegen die Armenier.» Diese beunruhigende Botschaft müsse ernst genommen werden.

Reto Baliarda, Joel Veldkamp

*Name geändert

 

Weitere Berichte:

Berg-Karabach: Hilfe für bedrohte Christen ist dringend nötig

Petition: Die Schweizer Regierung muss das Volk in Berg-Karabach schützen

Über 500 Teilnehmende in Genf fordern Frieden in Berg-Karabach

Was steckt hinter den Angriffen auf Berg-Karabach?

Ihr Kommentar zum Artikel

Wir freuen uns, wenn Sie hierzu eine Rückmeldung oder Ergänzung haben. Themenfremde, beschimpfende oder respektlose Kommentare werden gelöscht.

Redecker Christine

16.10.2020 09:54

Gerne werde ich spenden für dieses unglaublich schreckliche, was nun wieder geschieht mit Christen wegen ihres Glaubens. Meine Frage: bringen sie auch Kleider dorthin oder wird das vom Rot-kreuz gemacht? Es wär ja sinnvoll für Nahrung und Wärme zu sorgen und in der CH Kleider zu sammeln, da ja die meisten die Schränke voll davon haben. Ich auf jeden Fall würde gerne warme und schöne Kleider usw. abgeben. Lg c.redecker


Walter Wobmann

20.10.2020 09:03

Auch mein Herz schlägt für die Christen Armeniens und Bergkarabachs. Vielen Dank an John Eibner für sein spontanes und promptes Engagement. 1991 gab es eine Volksabstimmung (Referendum) in Bergkarabach, wo die Bevölkerung schon damals entschied, sich von Aserbaidschan zu lösen und unabhängig zu sein. Somit ist diese Unabhängigkeitserklärung legitimiert, auch wenn der Staat "Republik Arzach" noch keine internationale Anerkennung geniesst. Auch in Osttimor, Südsudan, Kosovo und Krim hat die einheimische Bevölkerung sich für die Unabhängigkeit entschieden. Dort gab es dann eine internationale Anerkennung. Entgegen anderslautenden Behauptungen von aserbaidschanischer und türkischer Seite ist Bergkarabach nach diesem Referendum nicht mehr Teil Aserbaidschans. Wer die UNO- Charta für das Selbstbestimmungsrecht der Völker respektiert, wird auch diesen Volksentscheid der Bergkarabachis von 1991 respektieren, dass sie nicht mehr zu Aserbaidschan gehören wollen. Es wäre aber an der Zeit, dass diverse (möglichst viele) christliche Staaten die Unabhängigkeit Arzachs anerkennen würden, um so auch weitere Angriffe seitens der Aserbaidschaner, Türken und Djihadisten wirksam zu stoppen. Die Bevölkerung von Bergkarabach (Republik Arzach) ist nämlich zu 99% Armenischstämmig.


Pia Schmid

20.10.2020 09:20

Herzlichen Dank für Ihren so dringen nötigen Einsatz für Armenien! Leider ist die Berichterstattung in den Medien so schlecht, dass sich kaum jemand zum Schutz von Armenien einsetzt. Einen sehr guten Artikel habe ich bei Heise.de gefunden: https://www.heise.de/tp/features/Der-Krieg-um-Berg-Karabach-oder-Warum-Neutralitaet-Parteinahme-ist-4931324.html?fbclid=IwAR2Z3FJEyHXIr8WpzeZiGhD2Ytb0wE2eJewwi3HJEin2eiLUAMStpCLNiKQ


CSI

23.10.2020 14:47

Sehr geehrte Frau Redecker, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ganz herzlichen Dank auch, wenn Sie für die leidenden Menschen aus Berg-Karabach spenden. Die armenischen Partner von CSI verteilen vor Ort warme Kleider und Wolldecken an die geflüchteten Menschen aus Berg-Karabach. Es ist jedoch kostengünstiger, wenn unsere Partner diese Kleider vor Ort einkaufen, als wenn sie aus der Schweiz verschickt werden. Zudem unterstützen wir so die einheimische, lokale Wirtschaft.


Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.