«Wir mussten jeden Tag mit dem Schlimmsten rechnen»

22. Oktober 2013

Der Norden Nigerias wird von der radikal-islamistischen Gruppe Boko Haram terrorisiert, die Jagd auf Christen macht. CSI-Präsident Herbert Meier und die CSI-Mitarbeiter Franco Majok und Joel Veldkamp besuchten Überlebende.



Chioma Dike zeigt auf die Gedenktafel. «William Dike, mein Mann. Lilian, meine Tochter, Richard und Emmanuel, meine Söhne», flüstert sie die Namen ihrer ermordeten Familienmitglieder.

Boko Haram tötet Tausende

Wir stehen mit Chioma vor der katholischen St.-Theresa- Kirche in Madalla. Auf der Gedenktafel an der Wand sind die Namen der Opfer des Attentats vom 25.  Dezember 2011 zu lesen. Damals kam ein Auto in dem Moment auf das massive Gebäude zugefahren, als die Menschen nach der Weihnachtsmesse herausströmten. Festlich gekleidete Familien mit ihren Kindern, ältere Leute, Ministranten, der Pfarrer. Der Wagen explodierte und riss 43 Menschen in den Tod.

Chioma Dike, die zu Hause geblieben war, wird nie wieder Weihnachten mit ihrer Familie feiern können. Zum Attentat bekannte sich die islamistische Terrorgruppe Boko Haram (Hausa für «Westliche Bildung ist verboten»), die seit ihrer Gründung 2002 verheerende Anschläge auf Christen, Behörden und moderate Muslime verübt. Allein seit 2009 tötete Boko Haram mehr als 2000 Menschen. Ungewöhnlich an dem Anschlag in Madalla war nur, dass er in der Nähe der zentralgelegenen Hauptstadt Abuja verübt wurde. Im Norden des Landes, wo die Scharia (islamische Gesetzgebung) herrscht, gehören Anschläge inzwischen zur Tagesordnung.

Chioma Dike trägt bis heute schwer am Tod ihrer Familie. Sie bete aber doch darum, dass Gott den Tätern vergibt: «Sie wissen nicht, was sie tun.»

Flüchtlingsscharen im Süden

Im September 2013 besuchten CSI-Präsident Herbert Meier, Franco Majok und Joel Veldkamp Terroropfer der Boko Haram in Nigeria und bauten ein Projekt auf, um überlebenden Familienmitgliedern wirkungsvoll beizustehen. Nach dem Besuch der St.-Theresa-Kirche reiste das Team in die südöstlichen Landesteile, wo sich Tausende von Christen vor der Gewalt im Norden in Sicherheit gebracht haben.

An einer Grundschule in Enugu waren ein Drittel der 320 Schüler Vertriebene aus dem Norden. Die einheimischen Christen bekundeten Mühe, den Flüchtlingen die Hilfe zur Verfügung zu stellen, die eigentlich nötig wäre. Im benachbarten Waisenhaus traf das CSI-Team die vierjährigen Zwillingsschwestern Felicity und Perpetua, deren Eltern von Boko Haram erschossen worden waren, und den zweijährigen John Vien, der bei einem anderen Anschlag seine Mutter verloren hatte.

Mann und vier Kinder verloren

Viele der Flüchtlinge sind Frauen. Eine von ihnen berichtete uns, wie sie gemeinsam mit ihrer gesamten Nachbarschaft in Todesangst aus ihrer Heimatstadt floh, als eines Morgens die Worte «Die Boko Haram kommt!» die Runde machten. Onyi (Name geändert), eine Frau aus Borno, erzählte uns von ihrer Flucht in den Süden. Sie war im vergangenen September auf dem Weg zum Gottesdienst, als in der Gegend der Kirche eine Bombe explodierte. Sie kehrte sofort um, um nach Hause zu laufen, wurde jedoch von einer weiteren Explosion gestoppt. So versteckte sich Onyi im Busch, wo sie Stunden später aufgefunden und dann in den Süden gebracht wurde. Als wir sie fragten, ob denn ihr Mann und ihre Kinder mit ihr in den Süden gekommen seien, brach sie in Tränen aus: Ihr Mann und ihre vier Kinder waren beim Angriff ums Leben gekommen.

«Im Norden zu bleiben ist hoffnungslos», sagte eine andere der christlichen Flüchtlingsfrauen. «Wir mussten dort jeden Tag mit dem Schlimmsten rechnen.»

Den Opfern die Hand reichen

Viele der Opfer des Bombenanschlags auf die St.-Theresa- Kirche in Madalla sind heute noch auf medizinische Hilfe angewiesen, doch das Opferhilfsprogramm der Regierung ist schon vor Monaten ausgelaufen. Andere haben wie Chioma Dike den Ernährer der Familie verloren; ihre Ersparnisse sind aufgebraucht und Verdienstmöglichkeiten rar. CSI finanziert die medizinische Behandlung von Opfern des Anschlags und unterstützt Projekte für die Flüchtlinge aus dem Norden, darunter zwei Schulen und ein Waisenhaus. Helen, eine Mutter von zwei Kindern, die beim Angriff auf die St.-Theresa- Kirche von Metallsplittern schwer verletzt wurde, sagte: «Das ist das erste Mal, dass Fremde unser Leid mit uns teilen und uns wirklich helfen. Möge Gott Sie und diejenigen reich segnen, die diese Hilfe ermöglichen.»

Autoren: Joel Veldkamp | Gunnar Wiebalck | Luise Fast

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