• Irak

Zuerst die Juden, jetzt die Christen

11. September 2014

Selbst US-Präsident Barack Obama spricht inzwischen von einem «potenziellen Genozid». CSI-Mitarbeiter John Eibner analysiert in einem Kommentar für die «Schweiz am Sonntag», wie es zu dieser Situation kam.



Einmal mehr erreichen uns Bilder des Schreckens aus dem Nahen Osten: Hunderttausende verzweifelte Jesiden und Christen fliehen aus ihren Häusern in Mosul und der Umgebung und suchen in den Bergen Kurdistans Zuflucht. Sie fliehen vor einer blutrünstigen islamistischen Miliz, die Nichtmuslime vor die krasse Wahl stellt: Konvertiert zum Islam oder verliert euren Besitz – oder gar euer Leben. 

Präsident Obama beschreibt diesen gewalttätigen Dschihad als „potenziellen Genozid“. Viele weitere solche beklemmende Bilder von religiösen Säuberungen werden uns überfluten und unsere Herzen berühren, während der Nahe Osten, wie wir ihn seit dem 2. Weltkrieg kennen, zunehmend auseinanderbricht.

Seit 2007 reise ich für die Stiftung CSI-Schweiz regelmässig in den Irak und nach Syrien. So wurde ich Zeuge, wie der grauenhafte sunnitische Dschihad erstarkte, mit dem schrecklichen Höhepunkt des Angriffs auf Mosul und die umliegenden Städte und Dörfer in der Ninive-Provinz. Diese Entwicklung führte zur Ausrufung eines Kalifats auf dem Boden von Syrien und dem Irak; dass die religiöse Säuberung von Nichtsunniten – unter ihnen Christen, Schiiten, Alawiten und Jesiden – folgen würde, war vorhersehbar. Auch Sunniten, die sich nicht unterwerfen, werden verfolgt. 

Wenn diese Entwicklung nicht aufgehalten wird, werden die biblischen Länder im Nahen Osten – mit Ausnahme von Israel – bald der biblischen Völker beraubt sein. Die Juden wurden bereits in den 1950er und 60er Jahren aus den mehrheitlich sunnitischen Ländern des Nahen Ostens verjagt. Jetzt sind die Christen an der Reihe. „Auf den Sabbat folgt der Sonntag“, wie oft gesagt wird, wenn es um das Verschwinden der Christen aus dem Nahen Osten geht.

Der völkermörderische Dschihad, der jetzt an Schwung gewinnt, wird hauptsächlich von Saudi-Arabien, Katar und Kuwait angeheizt, alles sunnitische Verbündete von Washington, London und Paris. Schon seit den 1980er Jahren verbreiten erdölreiche Staaten und nichtstaatliche Gruppierungen die engstirnige Ideologie einer Überlegenheit der Sunniten. Das Resultat ist die Radikalisierung der Region und das Wachstum dschihadistischer Terrorgruppen.

Diese Entwicklung wäre ohne die Unterstützung von Washington und seiner Verbündeten nie möglich gewesen. Man betrachtete den radikalen Islam als eine nützliche Barriere gegen die Ausbreitung des Kommunismus. Die Westmächte benutzten Dschihadisten als Speerspitze beim Angriff auf die sowjetischen Streitkräfte in Afghanistan. Die gleiche Taktik wird jetzt in Syrien angewendet, um das Assad-Regime zu stürzen, das mit dem Iran und Russland verbündet ist. Die Türkei, NATO-Mitglied und EU-Beitrittskandidat, ist ein wichtiger Rückzugsort sowie Ausgangspunkt und Unterstützer der dschihadistischen Rebellen in Syrien. In Afghanistan war die Konsequenz dieser verfehlten Strategie der Aufstieg von Al Qaida, in Syrien ist es die spektakuläre Ausbreitung des neuen Kalifats.

Was ist nun zu tun?

Humanitäre Hilfe ist dringend nötig. Hilfsaktionen packen jedoch das Übel des erstarkten völkermörderischen Dschihads nicht bei der Wurzel. Washington und seine Verbündeten können sich am effektivsten gegen einen Genozid einsetzen, indem sie dem Dschihad die finanzielle und ideologische Unterstützung der Verbündeten in der Region entziehen – wenn nötig mit Strafmassnahmen wie Sanktionen und Verweigerung militärischer Unterstützung.

Die westlichen Staaten können zudem wesentlich zur Stabilisierung der Region beitragen, indem sie von schlecht durchdachten Strategien, die einen schnellen Regimewechsel herbeiführen sollen, Abstand nehmen und mit Russland und China zusammenarbeiten, um Sicherheit für alle zu gewährleisten.

Die neutrale Schweiz kann an der humanitären Front eine konstruktive Rolle spielen. Bundesrat Burkhalter sollte die Grossmächte ausserdem unverhohlen anmahnen, ihre Verpflichtung gemäss internationalem Recht einzuhalten und einen Genozid zu verhindern sowie zusammenzuarbeiten, um in der zunehmend chaotischen Region wieder Stabilität herzustellen. 

Den Regierungen im Westen stände es gut an, die zahlreichen Aufrufe von Papst Franziskus und seinem Vorgänger, Solidarität mit der existenziell bedrohten Kirche im Nahen Osten zu zeigen, zu beherzigen. Die völkermörderische Ideologie des Dschihads kennt keine Grenzen.

John Eibner

Kommentar auf «Schweiz am Sonntag», 17. August 2014

Interview in der Berner Zeitung, 4. September 2014

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