Zwischen den Fronten im Heiligen Land: Älteste christliche Gemeinschaft der Welt existenziell bedroht

12. Juni 2017

Der Nahost-Experte Franck Salameh sprach am 22. Mai 2017 in Zürich über die Geschichte und gegenwärtige Situation der Christen im Heiligen Land. Der Vortrag war Teil der Vorlesungsreihe «Die Zukunft der religiösen Minderheiten im Nahen Osten» von Christian Solidarity International.



Die Christen im Heiligen Land (Israel und Palästinensergebiete), die ältesten Christen der Welt, seien zusammen mit anderen Christen im Nahen Osten heute existenziell bedroht. Das sagte Prof. Franck Salameh an einem Vortrag am 22. Mai 2017 in Zürich. Die Probleme der Christen hätten bereits vor dem arabisch-israelischen Konflikt bestanden: «Ihre jetzige Not ist die Fortsetzung und logische Folge eines langen Prozesses der Auslöschung und Vernichtung.»

Den Christen im Heiligen Land werden neue Identitäten aufgezwungen

Der libanesische Nahost-Experte Franck Salameh lehrt am Boston College und leitet das Departement für slawische und östliche Sprachen und Literaturen. Das Referat, das er in Zürich auf Einladung von Christian Solidarity International (CSI) hielt, stand unter dem Titel «Christen des Heiligen Landes – Exodus, Auflösung und ideologische Nekrophilie». Salameh machte auf die Tendenz in Medien und Wissenschaft aufmerksam, den Bewohnern des Heiligen Landes neue Identitäten aufzuzwingen: Man verwende ausschliesslich die Begriffe des modernen Nationalismus und verleugne so die historischen Identitäten, die nach wie vor lebendig, gesund und politisch wirkungsvoll seien. Die Christen würden beispielsweise noch immer mit den überholten Begriffen des arabischen Nationalismus – «Araber» oder «Palästinenser» – bezeichnet, obwohl sie sich selbst historisch über ihre religiöse Gemeinschaft identifizierten.

Zurück zu den ursprünglichen, ethnoreligiösen Bezeichnungen für die Christen

Heute neigten die Christen des Heiligen Landes dazu, sich von solchen Bezeichnungen wieder zu befreien. Salameh erklärte, dass sie stattdessen die eigenen ethnoreligiösen Begriffe – die dem gescheiterten Projekt des arabischen Nationalismus vorausgegangen seien – wiederbelebten. Wer über die Christen dieser Region schreibe und spreche, solle ebenfalls diejenigen Bezeichnungen wählen, die von den religiösen Gemeinschaften selbst verwendet wurden, lange bevor ihnen die Ideologie des arabischen Nationalismus übergestülpt wurde: «Griechisch-Orthodoxe», «Kopten», «Chaldäer», «Maroniten», «Aramäer» usw. Wen man das tue, könne man ihre gegenwärtige Not besser verstehen.

Christen heute nur noch ein Schatten ihrer früheren Existenz

Prof. Salameh zeichnete die Geschichte der Christen des Heiligen Landes nach von ihren Ursprüngen in der Zeit des Neuen Testaments über die islamischen Eroberungen, die verschiedenen islamischen Imperien, die Kreuzzüge, die britische Herrschaft bis hin zum arabisch-israelischen Konflikt. «Unter muslimischer Herrschaft», erklärte Salameh, «wurden die Christen des Heiligen Landes zunehmend zu einer Minderheit in ihrer angestammten Heimat. Sie wurden dem Dhimmi-Status unterworfen, einem islamisch-rechtlichen Prinzip, das Nichtmuslime zu Schutzbefohlenen mit eingeschränkten Rechten macht.» Die Christen hätten dadurch an gesellschaftlicher Stellung eingebüsst und ihre Zahl sei über die letzten vierzehn Jahrhunderte stark rückläufig geworden.

Das Ergebnis dieser Entwicklungen fasste Salameh wie folgt zusammen: «Die Christen des Heiligen Landes sind heute nur noch ein Schatten ihrer Existenz vor der muslimischen Eroberung. Sie machen nur noch knapp zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus – das sind etwa 160 000 in Israel selbst und 40 000 im Westjordanland und in Gaza.»

Israel: Trotz Problemen «sicherer Hafen» in gefährlicher Region

Innerhalb der Grenzen Israels, fuhr Salameh fort, hätten die Christen einen schwierigen und verletzlichen Status, da ihre Beziehungen mit der jüdischen Mehrheit von «Unnachgiebigkeit und Ressentiments wegen des arabisch-israelischen Konflikts geschwächt» würden. Dennoch sei Israel ein «sicherer Hafen» für Christen in einer gefährlichen Region. «Seit seiner Gründung verzeichnet Israel eine Zunahme an Christen», sagte Salameh, «während die Zahl der Christen andernorts im Nahen Osten weiterhin zurückgeht». Heute seien die Christen «der unternehmungslustigste, aufgeschlossenste und wohlhabendste arabischsprachige Teil der israelischen Gesellschaft».

Palästinensische Gebiete: Christen wohl kurz vor dem Verschwinden

Demgegenüber unterlägen die Christen in dem von der Palästinensischen Autonomiebehörde und Hamas kontrollierten Gebiet nach wie vor dem Dhimmi-Status. «Die Christen», so Salameh, «dürften dort kurz vor ihrem Untergang stehen». Täglich sähen sie sich Anfeindungen ausgesetzt. Dazu gehörten die mutwillige Beschädigung ihrer Gebäude, öffentlich zur Schau gestellte Verachtung, Einschüchterung, Erpressung, wie auch der Zwang, sich an islamisches Recht zu halten. Tausende Christen hätten sich dazu entschlossen, das Gebiet zu verlassen. Die Stadt Bethlehem, führte Salameh aus, sei bis in die 1960er Jahre 90 Prozent christlich gewesen. Heute, unter der Herrschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde, liege der christliche Anteil bei weniger als 30 Prozent.

Es braucht mehr als oberflächliche Solidaritätsbekundung

Es sei heutzutage üblich, die Krise der Christen des Heiligen Landes ausschliesslich dem arabisch-israelischen Konflikt zuzuschreiben. Prof. Salameh wies diese Sichtweise entschieden zurück, denn die Nahost-Christen seien bereits lange vor der Gründung Israels entrechtet worden. Ausserdem sähen sie sich auch in Ländern, in denen dieser Konflikt keine Rolle spiele, ebenfalls vom Untergang bedroht – etwa im Irak, in Syrien und Ägypten. Die Krise der Christen im Heiligen Land und im übrigen Nahen Osten, insistierte Salameh, verlange nach «geradlinigen, ehrlichen Untersuchungen einer langen Geschichte der Enteignung».

«Die Christen des Heiligen Landes brauchen mehr als Binsenweisheiten und oberflächliche Bekundungen von Sorge und Anteilnahme,» schloss Salameh. «Sie brauchen eine Antwort auf die Frage, ob ihre Kulturen, Zivilisationen, Geschichten und Sprachen es wert sind, gerettet zu werden oder nicht.»

Der Referent

Franck Salameh ist Professor für Nahost-Studien und Vorsitzender des Departements für slawische und östliche Sprachen und Literaturen am Boston College, USA. Sein neustes Buch trägt den Titel Charles Corm: An Intellectual Biography of a Twentieth-Century Lebanese «Young Phoenician” (Lanham: Lextington Books, 2015).

Die Vorlesungsreihe

«Die Zukunft der religiösen Minderheiten im Nahen Osten” ist eine Vorlesungsreihe von Christian Solidarity International, die nach den Aufständen des «Arabischen Frühlings» gestartet wurde. Sämtliche Beiträge – inklusive Videos, Medienmitteilungen und Medienberichterstattung – sind online: www.middle-east-minorities.com

 

Alexandra Campana

 

 

Ihr Kommentar zum Artikel

Hansruedi/Hottinger

Danke für diesen interessanten Bericht. Er macht mich traurig und empört mich auch. Der Mangel an Menschenliebe und Gerechtigkeitssinn im Islam ist offensichtlich und sehr alt. Eine Reform des Islams, eine "Aufklärung" drängt sich auf. Der Gott der Liebe ist viel grösser als der Koran erfasst.. Möge sich die Situation zum Guten wenden. Freundliche Grüsse Hansruedi Hottinger, Winterthur


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