• Sri Lanka

Angriff auf die Kirche hat die Gemeinde bis heute erschüttert

02. März 2017

Die Angst sitzt immer noch tief. Angeführt von buddhistischen Mönchen griffen Nachbarn am 26. Oktober 2014 die Kirche von Pastor Ravindu* in Kadawatha an. Mitglieder und die Familie von Ravindu wurden mit dem Tod bedroht. CSI-Mitarbeitende besuchten die Familie des Pastors.



Kadawatha ist ein Vorort von Sri Lankas Hauptstadt Colombo, eine halbe Autostunde vom Stadtzentrum entfernt. Auf den ersten Blick erscheint Kadawatha ruhig und unauffällig.

Doch der friedliche und tolerante Schein trügt: «Der buddhistische Extremismus ist hier weit verbreitet. Nicht-Buddhisten sind hier nicht willkommen und können keinen Geschäftsladen eröffnen, auch Muslime und Hindus nicht», erklärt ein lokaler Mitarbeiter der CSI-Partner.

Nach einem Abzweiger in eine kleine Talsohle erreichen wir Pastor Ravindus* Gemeinde. Das Gebäude ist aus unverputzten Betonblöcken gebaut. Fensterscheiben gibt es keine. Ravindus Familie begrüsst uns herzlich. Er bittet uns, dass wir uns ruhig verhalten, auch damit seine buddhistischen Nachbarn unseren Besuch nicht wahrnehmen.

Übergriff mit Folgen

Es geschah am Sonntag, 26. Oktober 2014: Pastor Ravindu feierte mit rund 60 Besuchern Gottesdienst. Da platzte ein Mob von 15 Dorfbewohnern, angeführt von vier buddhistischen Mönchen, in den Gottesdienst hinein. Sogleich wurde Ravindu bedrängt und gefragt, ob er eine Erlaubnis habe, Gottesdienste abzuhalten. «Sie verlangten, dass der Gottesdienst abgebrochen werde», beschreibt Ravindu den schauderhaften Moment.

Währenddessen begannen die anderen Eindringlinge, das Mobiliar der Kirche zu zerstören, und schleuderten Steine gegen das Gebäude. Dann gingen die Angreifer auf die Kirchenbesucher los. Vergeblich versuchte Ravindu, die Lage zu beruhigen und die Gemeindemitglieder zum Bleiben zu ermutigen. Der Mob jagte sie aus der Kirche und drohte mit Konsequenzen, falls sie wieder in die Kirche kommen sollten. Darauf wurde Ravindu selbst bedroht: «Sie drohten mir, dass sie meine Familie umbringen würden, wenn ich weiterhin in dieser Kirche predige.» Schliesslich machten sich die Angreifer, unter ihnen auch ein direkter Nachbar, davon.

In seiner Verzweiflung kontaktierte Pastor Ravindu eine Anwältin der CSI-Partner in Colombo. Sie riet ihm, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Diese lud ihn zu einer Befragung am 28. Oktober vor.

Doch an jenem Morgen erfuhr Ravindu, dass sich 300 Dorfbewohner mit buddhistischen Mönchen vor dem Polizeigebäude versammelt hatten. Über Lautsprecher hatten sie alle Buddhisten aufgerufen, zu protestieren. Ravindu spürte eine schreckliche Angst vor einem Übergriff. Aus Sicherheitsgründen bat er deshalb die Polizei, die Befragung auf den späten Nachmittag zu verschieben. Die Polizei willigte ein.

Zur Befragung um 16 Uhr erschien auch Ravindus Anwalt. Die Polizei verlangte vom Pastor, seine Kirche registrieren zu lassen, wenn er weiterhin predigen wolle. Ansonsten könnte sie ihm keinen Schutz garantieren. «Dabei ist eine solche gesetzliche Anmeldung in Sri Lanka überhaupt nicht vorgeschrieben», bemerkt der Pastor.

Eine Woche später, am 2. November 2014, tauchten 15 Polizisten bei Ravindus Kirche auf. Sie drängten ihn, keine Gottesdienste mehr zu leiten, solange seine Kirche nicht registriert sei.

Zum Schutz von Ravindus Familie riet ihm der Anwalt, für einige Zeit an einem geheimen Ort zu übernachten. Zugleich wurde er ermutigt, seinen Dienst als Pastor fortzuführen. «Über vier Monate lang schliefen wir an einem andern Ort. Jeden Morgen kam ich zurück zur Kirche, um meine Arbeit weiterzuführen. Doch mehrmals kamen Nachbarn und Polizisten, die mich aufforderten, meine Arbeit niederzulegen.»

Familie wird gemieden

Auch wenn der Vorfall über zwei Jahre her ist und sich die Lage etwas beruhigt hat, sitzt die Angst bei Ravindus Familie immer noch tief. In Kadawatha wird sie ständig mit einem argwöhnischen Blick beobachtet. «Fast niemand möchte mit uns sprechen. Und beim Einkaufen müssen wir höhere Preise bezahlen als die anderen.»

Während Ravindus Frau sich kaum etwas anmerken lässt, ist deren Teenager-Tochter seit dem Vorfall schwer traumatisiert. Sie leidet an Panikattacken, dass die Extremisten das Haus und die Kirche anzünden und sie töten würden. Auch der Pastor selbst fürchtet um das Leben seiner Tochter: «Ich bin bereit, für meinen Glauben zu sterben. Aber meine Tochter soll in Sicherheit leben können.»

Schliesslich quälen den Pastor noch andere Sorgen: Seit dem Angriff der Buddhisten auf seine Kirche blieben viele Mitglieder dem Gottesdienstbesuch aus Angst fern. «Waren es früher 60 Besucher, so kommen heute noch etwa 20», bedauert Ravindu. Doch aufgeben kommt für den mutigen Mann nicht in Frage. Er hofft auf positive Veränderung. Ausserdem ist er den CSI-Partnern unendlich dankbar für die grosse und treue Unterstützung. «Ihre Hilfe ermutigt mich, als Pfarrer weiterzumachen.»

 


«Häufig auf der Seite der Angreifer»

70 % von Sri Lankas Bevölkerung sind Buddhisten. «Auch wenn die Reli­gionsfreiheit in der Verfassung verankert ist, finden seit den 80er Jahren Übergriffe auf Minderheiten statt», erklärt Anwältin Esther*, Partnerin von CSI in Sri Lanka. Zwar kommt es dabei selten zu Schwerverletzten oder Todesopfern. Doch die von buddhistischen Mönchen angeführten Mobs bedrohen die Minderheiten und schaffen so ein Klima der Angst. Alleine 2016 ist es bis Ende November zu 80 Übergriffen auf Christen oder christliche Einrichtungen gekommen, bemerkt Esther. «Kommt dazu, dass die Polizei sich häufig auf die Seite der Angreifer stellt. Deshalb erstatten auch viele Pastoren keine Anzeige.»

Unsere CSI-Partnerin bietet juristische Unterstützung für Opfer von reli­giös motivierten Übergriffen. Zudem bildet sie Pastoren aus und leistet praktische Hilfe nach Übergriffen.

 

Reto Baliarda

* Namen geändert

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