Christen zunehmend unter dem Druck der Hindus

12. September 2016

Die neue nepalesische Verfassung untersagt Bekehrungen zu nichthinduistischen Religionen. Nun wird offiziell acht Christen Bekehrungstätigkeit vorgeworfen. Ihnen drohen längere Haft und hohe Bußen. Sechs weitere Christen wurden bei einem Übergriff verletzt.



Am 20. September 2015 wurde die neue Verfassung angenommen. Dem historischen Meilenstein gingen ein zehnjähriger Bürgerkrieg und siebenjährige Parlamentsauseinandersetzungen voraus.

Umstritten war etwa, ob Nepal wie vor der Absetzung des letzten Königs Gyanendra 2008 erneut zum Hindu-Staat mit dem Hinduismus als Staatsreligion würde oder zur säkularen Republik mit der gleichwertigen Behandlung aller Religionen nach Artikel 18 der UNO-Menschenrechtserklärung. Schliesslich setzten die «Säkularisten» die Bezeichnung «säkularer Staat» statt «Hindu-Staat» in der neuen Verfassung durch.

Verfassung verbietet Konversion

Anderseits gelang es Parlamentariern der Extremistenpartei Rashtriya Prajatantra Party Nepal (RPP-N), die gerne die Hindu-Monarchie wiederherstellen wollen, Verfassungsartikel 26 Abs. 3 durchzudrücken: «Niemand darf (…) eine andere Person dazu veranlassen, ihren Glauben zu wechseln oder die Religion eines anderen zu gefährden.» Beabsichtigt ist sogar die Einführung von «Anti-Konver­sionsgesetzen», wie sie in Myanmar und einigen indischen Bundesstaaten bereits in Kraft sind. Was Indien betrifft, so blieben seit dem nationalen Wahlsieg Mai 2014 der Hindu-fundamentalistischen Bharatiya Janata- Partei (BJP) kräftige religiöse Einflussbestrebungen auf den Nachbarn Nepal nicht aus.

Christen zusehends in Bedrängnis

Am 14. September 2015, kurz vor der Verfassungsannahme, hatten Anhänger der Extremistenbewegung Hindu Morcha Nepal Bombenanschläge auf vier Kirchen im östlichen Distrikt Jhapa geplant. Auch diese Fanatiker lösten sich nicht vom Traumziel eines Hindu-Staates und verlangten, dass konvertierte Hindus entweder zum Hinduismus zurückkehren oder aus Nepal ausgewiesen werden sollen. Während zwei Attacken vereitelt wurden, verwüsteten die beiden anderen zwei Gotteshäuser.

Dann wurden am 9. Juni 2016 acht Christen festgenommen. Laut Barnabas Shrestha, Vorsitzender des Hilfswerks Teach Nepal, wurden einige schwer misshandelt. Damit sollten sie zum Eingeständnis gezwungen werden. Ihnen wird zum Vorwurf gemacht, dass sie an 840 mehrheitlich christliche Schulkinder das Kinderbuch «A Great Story» (Eine gros­se Geschichte) über Jesus verteilt und dabei Evangelisation betrieben haben. Es ist die erste Anklage gestützt auf den neuen Verfassungsartikel gegen die Konversion.

Bislang wurden die Vorwürfe nicht fallen gelassen. So müssen die Christen selbst nach ihrer erfolgten provisorischen Entlassung befürchten, laut den beabsichtigten «Konversionsgesetzen» zu Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren verurteilt zu werden und hohe Bussen entrichten zu müssen.
Die Christen selber betonen, dass sie keine Bekehrungsversuche unternommen haben. Sie hätten die Jesus-Geschichte nur an christliche Schulkinder ausgehändigt, um ihnen bei der Bewältigung ihrer Erlebnisse vom schweren Erdbeben (April/ Mai 2016) zu helfen.

Schwerer Übergriff

Kurz nach der Festnahme dieser acht Christen griffen der Hindu-Extremist Sanjiv Nepali und drei Mittäter sechs andere Christen mit Eisenstangen an. Vier von ihnen erlitten schwere Verletzungen.

Eine der Schwerverletzten ist Sunita Kumar, die Frau eines Predigers. Sie erzählt: «Als ich nach einem heftigen Schlag zu Boden fiel, traten sie mehrmals mit den Füssen auf meinen Rücken. Ich litt unter extremen Rückenschmerzen, bis ich endlich ins Spital gebracht wurde. Seit diesem Vorfall kann ich nicht mehr richtig essen. Ich habe grosse Angst um meine Kinder und meinen Mann. Extreme Hindus haben uns wieder gedroht und meinten, dass die Polizei auf ihrer Seite sei.»

Der Haupttäter, Sanjiv Nepali, hatte sie der willkürlichen Bekehrung von Hindus gegen finanzielle Anreize angeschuldigt. Er wurde zwar für einige Tage inhaftiert, kam dann aber gegen Kaution frei.

Keine Weihnachten mehr

Für den Staat haben christliche Einrichtungen keine religiöse Bedeutung. Ihnen wird nur ein humanitärer NGO-Status anerkannt. Damit wird jede Verkündigung erschwert. In diesem Zusammenhang dürften laut Tanka Subedi, Co-Präsident der Nepal Christian Society, auch die am 21. Juni 2016 vom nepalesischen Wohlfahrtsministerium an sämtliche Distrikt-Entwicklungskomitees ergangene Anweisungen stehen, keine religiös motivierte Hilfswerk-Tätigkeit mehr zuzulassen. Konvertierte Christen müssen ohnehin mit der Ächtung seitens engster Familienangehöriger rechnen.

Im April 2016 wurden die vor acht Jahren eingeführten Weihnachten offiziell aus dem Kalender gestrichen. Selbst die christliche Bestattung wird erschwert. So durften Christen ihre beim Erdbeben umgekommenen Angehörigen nicht würdig bestatten.

Nepal ist zu über 80 Prozent hinduistisch. Christen machen gegen drei Prozent aus.

Max-Peter Stüssi

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