Im Angesicht seiner Feinde

27. Mai 2018

Der bangladeschische Pastor Sentu Mir wurde von radikalen Muslimen mit Kopfschuss und Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Jetzt hat er am Anschlagsort – mit muslimischer Unterstützung – eine Kirche gebaut.



 

«Ich glaube, Leiden ist ein Talent, das Gott einem anvertraut und hilft, es zu ertragen», sagt Sentu Mir, Pastor in einem Dorf in der Division Maimansingh nördlich von Dhaka, der bangladeschischen Hauptstadt. Als er an einer Pastorenkonferenz in Dhaka aus seinem Leben erzählt, wird klar: Pastor Sentu Mir weiss, wovon er spricht. «Ich preise Gott für seine Güte, dass ich hier erzählen kann, was ich erlebt habe», sagt Pastor Sentu Mir. Es sei ein Wunder, dass er noch lebe.

Christliche Schule für Muslime

«Meine Grosseltern waren Muslime, die Eltern konvertierten zum Christentum», beginnt Pastor Sentu Mir seine Erzählung. «Ich bin im Westen von Bangladesch zusammen mit sechs Schwestern und zwei Brüdern aufgewachsen.» Nach einer kurzen theologischen Ausbildung zog er mit seiner Frau in ein abgelegenes Dorf, wo es keine anderen Christen gab. «Ich fuhr mit dem Motorrad von Dorf zu Dorf, besuchte die Leute und baute Freundschaften auf», erzählt er weiter. Er habe über seinen Glauben gesprochen, Traktate verteilt und mit den Leuten gebetet.

Nach fünf Jahren ergab sich die Gelegenheit, eine Schule zu eröffnen. Sie wurde von 120 Schülern besucht, die meisten Muslime, einige Hindus. Einige Eltern begannen, Pastor Sentu Mirs kleine Gottesdienste zu besuchen.

Mordversuch von Islamisten

Während der Pastor als Leiter der Schule bei vielen angesehen und beliebt war, verfolgten andere sein Tun misstrauisch. Manchmal machten Moscheen über Lautsprecher Stimmung gegen ihn. Auch per Telefon wurde er bedroht. An Ostern 2003 wurde ein Freund von Sentu Mir getötet, der in der Gegend einen Jesus-Film gezeigt hatte. Ein Jahr später wurde Pastor Sentu Mir selbst angegriffen:

«Es geschah an Silvester, ich hatte auf dem Markt für das Neujahrsfest eingekauft. Kurz bevor ich mit dem Motorrad mein Haus erreichte, wurde ich von drei radikalen Muslimen angegriffen. Sie jagten mir eine Kugel durch den Kopf und stachen mit langen Messern auf mich ein.»

Er muss furchterregend ausgesehen haben: Vom Kopfschuss war sein Gesicht völlig entstellt. Die Backenknochen waren gebrochen, acht Zähne zerschlagen, Hör- und Sehnerv beeinträchtigt. Die Messerstiche verursachten schwere Verletzungen am Unterleib.

Dreijährige Behandlung

«Meine Freunde brachten mich ins Spital. Dort wollten sie mich zuerst nicht aufnehmen, als sie erfuhren, dass ich ein Pastor war. Doch die muslimischen Eltern meiner Schulkinder übten Druck auf lokale Politiker und auf die Polizei aus.» Nach der Notfallversorgung habe sich sogar ein Minister für ihn eingesetzt, damit er in ein Militärspital nach Dhaka verlegt werden konnte. Doch auch dort erlebte er Diskriminierung: «Alle wussten, dass ich Christ und Pastor war. Ich bekam nur Schmerzmittel und wurde nicht behandelt.» Sein Vorgesetzter habe ihn schliesslich nach Indien verlegen lassen, weil sein Zustand so kritisch war. Drei Jahre lang wurde Pastor Sentu Mir immer wieder operiert, teilweise auch in Thailand, wo Haut von seinen Beinen ins Gesicht transplantiert wurde.

Schaut man den Pastor heute an, sieht man noch Zeichen der schweren Verletzung. Doch sein Zustand ist gut. Sein Gehör funktioniert wieder einwandfrei, neue Zähne wurden eingesetzt. Auch hat er seine Sehkraft zumindest teilweise wiedererlangt.

Muslime spenden für Kirche

Was geschah während der langwierigen medizinischen Behandlungen mit seiner Familie? Seine Frau habe als Einzige von Anfang an mit seiner Genesung gerechnet, erzählt Pastor Sentu Mir. Sie bestand darauf, mit ihren Kindern im Dorf zu bleiben, obwohl die Polizei ihr dringend riet, sich an einen sichereren Ort zu begeben.

2007 kehrte der Pastor zu seiner Familie zurück. 2014 konnte er sogar eine richtige Kirche bauen. In der Gegend hätten viele vorher gar nicht gewusst, was eine Kirche sei. Er habe jahrelang dafür gespart. «Am Ende bezahlte sogar die Regierung einen Beitrag, auch Muslime und Hindus haben Geld gespendet.» Obwohl ihn einige Leute daran hindern wollten, konnte er letztendlich ein Kreuz auf die Kirche stellen.

«Sie lieben mich und ich liebe sie»

Pastor Sentu Mir fürchtet sich nicht. Zwar werde er auf dem Markt regelmässig von radikalen Muslimen verfolgt und beobachtet. Auch Gottesdienstbesucher werden bedrängt. Doch er schaut auf das Positive: Sogar Muslime verkaufen christliche Bücher. In den Moscheen wurde für seine Heilung gebetet. «Sie lieben mich und ich liebe sie.» Heute kommen etwa 30 bis 40 Leute in den Gottesdienst. «Solange Gott mir das Leben schenkt, will ich weitermachen. Ich werde nie vergessen, wie Gott mich wiederhergestellt hat.» 

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