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Neuanfang nach langem Leiden

16. April 2015

Bei unseren Sklavenbefreiungsaktionen sind die Interviews mit den Befreiten immer ein wichtiger Bestandteil. Sie geben Aufschluss über die wahre Natur der Sklaverei im Sudan. Angesichts der grausamen Schicksale ist jede Befreiung eine wunderbare Errettung.



Die Frau ist etwa Mitte 20 und heisst Adhuk Yak Bol. Sie war noch ein Kind, als sie von arabischen Milizen in den Norden verschleppt wurde. Sie erzählt: «Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Warawar. Ich kann mich noch gut erinnern. Es war schön dort. – Ich bin sehr froh, wieder zu Hause zu sein. Doch ich muss auch an meine Eltern denken. Sie leben nicht mehr.» Damals, bei dem Überfall auf ihr Dorf, zündeten islamistische Milizen Adhuks Hütte an. Ihre Eltern und ihre sechs Geschwister waren darin eingesperrt. Nur Adhuk blieb übrig. Sie wurde als Gefangene mitgenommen.«Ich erinnere mich noch, wie mein Onkel hinter mir hergerannt kam. Die Araber hielten an, warteten, bis er uns eingeholt hatte. Dann überwältigten sie ihn, banden ihn mit einem Strick an ein Pferd und jagten das Pferd los. So starb auch er.» Die schockierenden Erlebnisse liessen bei dem jungen Mädchen jeden Gedanken an Widerstand und jede Hoffnung auf Flucht ersterben.

Täglich Schläge

Mit einer ganzen Gruppe wurde Adhuk in den Norden verschleppt, musste mitansehen, wie mehrere Menschen willkürlich und brutal umgebracht wurden. Sie selbst wurde vergewaltigt. Im Norden nahm ihr Sklavenhalter sie zur Frau. «Er hiess Mohammed und war ein schrecklicher Mensch. Er schlug mich immer wieder. Ich musste Wasser für die Esel heranschaffen, die Kleider der Familie waschen und ihr Haus in Ordnung halten. Seine Frau war auch sehr böse. Oft behauptete sie, ich hätte meine Aufgaben nicht gut erfüllt. Dann wurde ich verprügelt. Auch ihre vier Kinder suchten ständig Streit mit mir. Ich selbst bekam keine Kinder.»

«Ich wurde zwangsweise beschnitten. Sie wollten, dass ich mich wie eine Araberin verhalte und Muslima werde. Ich musste die muslimischen Gebete lernen. Gelegentlich musste ich die Moschee besuchen, doch meistens blieb ich zu Hause, weil ich arbeiten musste. Ich lebte bei ihnen, aber wollte ihnen nicht zu nahe kommen, weil ich immer Schläge bekam.»

Überraschende Befreiung

«Eines Tages erschien ein Araber in unserem Haus und sprach mit Mohammed. Er nahm mich mit, Mohammed sagte kein Wort zu mir. Bald war ich bei einer ganzen Gruppe von Südsudanesen. Sie gehörten wie ich zum Stamm der Dinka und waren ebenfalls als Sklaven in den Norden entführt worden. Wir wussten nicht, was eigentlich los war, wurden aber gut behandelt. Wir bekamen Essen und Wasser und wurden von niemandem geschlagen. Als wir am Grenzfluss zum Südsudan ankamen, erklärte uns der Araber, dass er Sklaven befreie und uns zurück in unsere Heimat bringen werde. Erst konnten wir es nicht glauben. Doch es war wahr. Nun bin ich dankbar und glücklich, endlich wieder frei zu sein.» Wie alle befreiten Sklaven erhält auch Adhuk einen Startsack und eine Milchziege, um ihr neues Leben in Freiheit zu beginnen.

Noch immer befinden sich viele tausend Südsudanesen in der Sklaverei im Norden. CSI will weitermachen, bis der letzte Sklave frei ist. 

Benjamin Doberstein | Joel Veldkamp

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