Religionsfreiheit in Gefahr

29. April 2018

Der Hindu-Nationalismus nimmt auch in Nepal überhand. Dies, obwohl im Gegensatz zu Indien nicht hinduistische, sondern kommunistische Parteien an der Macht sind. Sie wollen die einheimische Kultur vor ausländischen Einflüssen schützen, wohl auch durch das neue Anti-Konversionsgesetz.



2007 wurde in Nepal die weltweit letzte hinduistische Monarchie durch eine säkulare Republik abgelöst. Dies auch als Folge eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs. Seitdem hat sowohl die Anzahl der Christen wie auch anderen Minderheiten zugenommen.

Diese Entwicklung war nicht nur eingefleischten Hindu-Extremisten ein Dorn im Auge. Auch gemässigte Hindus, die durchaus den säkularen Staat befürworten, betrachteten die zunehmenden Konversionen zu anderen Religionen mit Argwohn. Viele von ihnen erachten die Bekehrungen nicht als einen Aspekt der in der Verfassung verankerten Religionsfreiheit. Der Religionswechsel ist für sie vielmehr eine Provokation, ein zunehmender Einfluss aus dem Ausland, der die einheimische Kultur und Souveränität Nepals bedroht.

Im Gegensatz zu Indien bleibt der politische Einfluss der religiösen Hindu-Nationalisten bescheiden. Die einzige Hindu-Partei mit nationaler Ausstrahlung, die Rastriya Prajatantra Party (RPP) ist lediglich die viertstärkste Partei im nationalen Vergleich. In Nepal regiert die marxistisch-leninistische Partei (UML), zusammen mit der Partei der Maoisten (CPN).

Doch auch die kommunistische UML ist nationalistisch ausgerichtet. Mit ihrer «alternativen» Version fördert sie den Hindu-Nationalismus ebenso, obwohl sie keine offensichtliche Hindu-Politik betreibt. Zudem schürt auch sie Ressentiments gegen andere Religionen, vor allem aus dem Ausland. So wurden beispielsweise unter der UML-Regierung die christlichen Feiertage gestrichen.

Starkes Signal gegen Religionsfreiheit

Am 16. Oktober 2017 unterzeichnete die nepalesische Präsidentin Bidhya Devi Bhandari das neue Antikonversionsgesetz, nachdem es zuvor vom Parlament gebilligt worden war, womit es offiziell in Kraft trat. Darin heisst es unter anderem: «Dieses Gesetz verhindert, dass eine Person eine andere Person mit ‹gewaltsamen› oder ‹betrügerischen› Mitteln oder durch ‹Verlockung› oder ‹falschen Versprechungen› konvertieren kann.» Dieser Satz sieht auf den ersten Blick wie Verhinderung von Konversionszwang aus und stellt an sich keine Verletzung der Menschenrechte oder Religionsfreiheit dar, selbst wenn bei Verstoss fünf Jahre Haft und eine Geldstrafe von zirka 500 Dollar drohen.

Viele Minderheiten betrachten das neue Antikonversionsgesetz dennoch als Rückschritt, da es ihrer Meinung nach die Ausdrucks-, Meinungs- und Religionsfreiheit einschränkt. Diese Ansicht teilt auch der Menschenrechtsaktivist TM*, der zudem daran erinnert, dass die Generalversammlung der Vereinten Nationen Nepal am gleichen Tag in den UNO-Menschenrechtsrat wählte, an dem das Antikonversionsgesetz unterzeichnet wurde: «Es sieht so aus, also ob Nepal bei der Einführung des Antikonversionsgesetzes vergessen hat, dass es mit der Aufnahme in den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen gleichzeitig unter anderem dem Recht auf Religionsfreiheit zugestimmt hat.»

Alle Minderheiten bangen

Im neuen Antikonversionsgesetz steht zwar nicht, dass es sich ausschliesslich auf Konversionen vom Hinduismus zu einer anderen Religion bezieht, und Konversionen zum Hinduismus davon nicht betroffen sind. Doch ist dies naheliegend. Denn in Nepals säkularen Verfassung wird die Säkularität so definiert, dass die traditionellen Religionen und Kulturen geschützt werden, die seit Jahrhunderten praktiziert werden: der Hinduismus und der Buddhismus.

Entsprechend wird befürchtet, dass sich im multikulturellen Nepal mit über 120 Ethnien Übergriffe auf Minderheiten wie Christen, Muslime, Bahais häufen. Die Art der Übergriffe ist dabei mit denen in Indien vergleichbar. Dazu gehören Einschüchterung im Alltag, falsche Anschuldigungen, ungerechtfertigte Inhaftierung, Schliessung von christlichen Kinderheimen unter falschem Vorwand, körperlicher Angriff bis hin zu Mord. Zusätzlich werden ihnen Rechte vorenthalten, wie zum Beispiel Besitz von Land, Recht auf ein ordentliches Begräbnis, staatliche Unterstützung für Bedürftige etc.

Wichtige Zusammenarbeit

«Wir müssen alle zusammenstehen und solange wir können, gegen diese neuen Massnahmen mit vereinten Kräften vorgehen. Das Antikonversionsgesetz ist noch «jung». Auf politischer Ebene versuchen wir unser Bestmögliches, um dieser stärker werdenden Tendenz des Nationalismus Einhalt zu gebieten», so BP*, Leiter der Christlichen Vereinigung in Nepal.

Momentan arbeitet die Vereinigung an einem wichtigen Handbuch, mit dem sie Christen in Nepal ihre Rechte aufzeigt. Ausserdem weist das Handbuch auf einen wichtigen Verhaltenskodex hin, der für die Sicherheit im Alltag elementar ist. «Je besser die Leute über Rechte und Pflichten Bescheid wissen, desto besser können sie sich bei Angriffen und Diskriminierung wehren», so BP. Es ist sehr wichtig, Minderheiten jetzt zu stärken, bevor die Angriffe zunehmen. CSI hilft in einem ersten Schritt, dieses Handbuch zu produzieren und Informationsveranstaltungen dafür zu organisieren.

Inés Wertgen, Projektleiterin Indien und Nepal

 


 

Hindunationalistischer Einfluss Indiens

Für Indiens Hindunationalisten galt die hinduistische Monarchie in Nepal als die letzte Bastion ihres Glaubens. Den Wechsel zu einem säkularen Staat nahmen die Hindunationalisten in Indien nicht einfach so hin. Sie unterstützten über die letzten Jahre verschiedene politische Parteien in Nepal mit Finanzen und übten auch Einfluss auf die Gesellschaft aus. Dies hat zur Folge, dass seit geraumer Zeit Minderheiten in Nepal immer weniger willkommen sind und im Alltag verstärkt Diskriminierung und Übergriffe erleben. Spätestens mit der Einführung des Antikonversionsgesetzes hat die nepalesische Regierung ein klares Signal gegen die religiösen Minderheiten in ihrem Land gesetzt. Auch heute unterstützt Indiens Regierung die Hindunationalisten, um sie in ihrer Position zu stärken.

 

* Name der Redaktion bekannt

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