Religionsgelehrte: «Abtrünnige» müssen sterben

21. Juni 2013

99?% der marokkanischen Bevölkerung sind muslimisch. Nichtmuslime werden hart bedrängt, insbesondere wenn sie aus muslimischen Familien stammen. Nach einem religiösen Gutachten verdienen sie den Tod. Sie sind auf die Fürsprache des Königs angewiesen.



Im Vergleich zu anderen arabischen Ländern hat Marokko bisher kaum für Schlagzeilen gesorgt. Der König reagierte auf erste Kundgebungen schnell mit Reformen, so dass die Proteste in Marokko relativ schwach blieben.

König Mohammed VI. trägt als oberster Muslim des Landes den Titel «Herrscher aller Gläubigen» . Der Islam ist gemäss Verfassung Staatsreligion. Diese enge Verbindung zwischen Staatsbürgerschaft und Islam ist für Nichtmuslime sehr gefährlich, ganz besonders wenn sie einmal Muslime waren: Ihnen drohen nicht nur gesellschaftliche Schwierigkeiten wegen des Glaubenswechsels, sie können im Extremfall sogar wegen Staatsverrats angeklagt werden.

Polizei «tauft» Konvertiten

Die marokkanischen Behörden versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass Muslime dem Islam den Rücken kehren. Das Abwerben von Muslimen (Proselytismus) kann mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Christen werden pauschal verdächtigt, Muslime bekehren zu wollen. Im Jahr 2010 waren etwa 100 Christen mit europäischen Wurzeln ausgewiesen worden. Teilweise hatten sie jahrzehntelang in Marokko gelebt.

Wer den Islam verlässt und zum Beispiel Christ wird, bekommt grosse Probleme. Zwar sieht das marokkanische Gesetz bisher keine Strafe für Apostasie (Verlassen des Islams) vor. Apostaten werden aber häufig unter irgendwelchen Vorwänden verurteilt, so zum Beispiel Jamaa Ait Bakrim, dessen Freilassung wir im Februar-Magazin 2013 gefordert hatten.

Ein europäischer Pastor, der jahrelang marokkanische Konvertiten betreut hatte, berichtete von der «Polizeitaufe»: Früher oder später komme jeder Christ mit der Geheimpolizei in Konflikt. Wie die Wassertaufe zum Christsein gehört, ist auch die Konfrontation mit dem Geheimdienst normaler Bestandteil des Christseins in Marokko.

Das harte Vorgehen gegen Nichtmuslime erscheint vor dem Hintergrund der religiösen Situation in Marokko absurd: 99  % der über 30 Millionen Einwohner gelten als (sunnitische) Muslime.

Fatwa: Tod für Apostasie

Im April 2013 sorgte eine Fatwa (islamisches Gutachten) für grosse Verunsicherung. Der Hohe Rat der Religionsgelehrten (Ulema) erklärte öffentlich, dass Apostaten mit dem Tod bestraft werden müssten. Nun wird zwar häufig vertreten, dass der «Abfall» vom muslimischen Glauben gemäss Scharia die Todesstrafe nach sich zieht. Heute werden jedoch selbst in streng islamischen Ländern kaum Apostaten hingerichtet; wenn auch immer wieder Todesurteile gefällt werden, werden sie doch meistens nicht vollstreckt. Rechtlich ist die Fatwa auch nicht verbindlich – der Hohe Rat hat nur beratende Funktion –, so dass im Moment niemand befürchten muss, wegen Glaubenswechsels zum Tod verurteilt zu werden. Dennoch ist der scharfe Ton der Fatwa sehr beunruhigend.

Der Hohe Rat der Religionsgelehrten ist die höchste religiöse Autorität in Marokko. Dessen Gutachten haben eine starke Signalwirkung und beeinflussen Gesellschaft ebenso wie Behörden. Die Fatwa ebnet einer zunehmenden Verfolgung die Bahn. Ein marokkanischer Konvertit, der in der Hauskirchenbewegung in Marrakesch aktiv ist, berichtet bereits jetzt von stärkerer Überwachung durch die Geheimpolizei. Die Christen fühlen sich bedroht und schutzlos.

Wer sich vom Islam abwendet, hat es schwer; der Christ Jamaa Ait Bakrim muss sieben Jahre Gefängnis absitzen. 

König könnte gegensteuern

Wir fordern ihn auf, sich öffentlich hinter seine nichtmuslimischen Staatsbürger zu stellen und in seiner Rede zum Ende des Fastenmonats Ramadan zu betonen, dass auch sie loyale Bürger Marokkos sein können.

Autor: Max-Peter Stüssi

Quellen: Morocco News Tribune | Morning Star News | International Religious Freedom Report

 

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