• Irak

Unerschrocken im Einsatz für religiöse Minderheiten

28. August 2020

Die irakische CSI-Partnerin Pascale Warda will auf jeden Fall in ihrem Land bleiben, selbst wenn die Angst ihr ständiger Begleiter ist. Ihr starker christlicher Glaube ermutigt sie, sich trotz aller Hindernisse für die leidenden Menschen einzusetzen.



CSI: Pascale Warda, wie viele Christen leben heute noch im Irak?

Pascale Warda: Vor der Invasion der USA 2003 waren es etwa 1,5 Millionen. Heute sind es etwas über 300 000.

Weshalb sind so viele Christen ausgewandert?

Vor allem wegen mangelnder Sicherheit und Demokratie, schlechter Wirtschaftslage, religiöser Gewalt und Diskriminierung. Einer der grössten Fehler war der Abzug der US-Truppen. Sie kamen ihrer Pflicht nicht nach, den Irak nach der Zerstörung wiederaufzubauen, und überliessen das Land den religiösen Fanatikern.

Befürchten Sie, dass die Zahl der Christen weiter sinkt?

Es kommt auf die Entwicklung an. Die Christen würden gerne bleiben, wenn die Sicherheit und die wirtschaftlichen Voraussetzungen gewährleistet sind. Auch CSI kann dazu einen Beitrag leisten.

2014 flohen vor dem anrückenden Islamischen Staat (IS) mehr als 130 000 Christen aus der Ninive-Ebene ins irakische Kurdengebiet. Sind sie wieder in ihrer Heimat?

In Karakosch, der grössten christlichen Stadt in der Ninive-Ebene, lebten einst rund 50 000 Christen. Bis heute sind immerhin etwa 22 000 zurückgekehrt. Ich war mehrmals dort und freute mich über die Aufbruchstimmung. Allerdings sind viele Häuser zerstört und müssen erst wieder aufgebaut werden. Insgesamt sind rund 45 % der Christen in der Ninive-Ebene zurück.

Wie sieht es in Iraks zweitgrösster Stadt Mossul aus, der ehemaligen IS-Hochburg?

In Mossul ist die Lage viel problematischer. Zwar wurden einige zerstörte Kirchen renoviert. Trotzdem fürchten sich die meisten aus der Stadt geflohenen Menschen vor einer Rückkehr. Kommt dazu, dass viele Geistliche den Christen vor einer Rückkehr nach Mossul abraten.

In letzter Zeit gab es Meldungen, wonach Christen in Bartella von schiitischen Milizen der Schabaken-Ethnie bedrängt werden.

Es gibt in der Ninive-Ebene verschiedene Milizen, auch christliche, die bei der Bevölkerung generell wenig Vertrauen geniessen. Im früher mehrheitlich christlichen Bartella waren die Schiiten wegen der Schabaken-Milizionäre in gros­ser Überzahl. Deshalb kam es zu Zusammenstössen. Inzwischen hat die Regierung angeordnet, dass die Schabaken-Milizen ausserhalb der Städte bleiben müssen. Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass die irakische Polizeieinheit, die zusammen mit der christlichen Miliz NPU (Nineveh Plain Protection Units) die Zufahrt von Karakosch und Karemles bewacht, sowohl aus Christen als auch aus Schabaken besteht.

Im Herbst 2019 wurde Iraks Hauptstadt Bagdad von hefti­gen Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften heimgesucht. Sie wohnen mit Ihrem Mann in Bagdad. Wie haben Sie diese Unruhen erlebt?

Es war fürchterlich. Wegen der Gefahren und der Blockaden konnten wir unser Haus kaum verlassen. Die Sicherheitsdienste schauten zu, wie Heckenschützen auf die Demonstranten schossen. Sie behaupteten, nicht zu wissen, wer diese Schützen seien. Etwa 740 Menschen wurden getötet, über 17 000 verletzt, nur weil sie gegen Korruption und Armut protestierten.

Es waren die heftigsten Unruhen in Bagdad seit langem. Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

Angst ist unser ständiger Begleiter. Wir sind uns bewusst, dass uns jede Minute etwas zustossen könnte. Ein Beispiel von Ende Januar 2020: Als die amerikanische Botschaft bombardiert wurde, fühlte es sich für uns an, als explodierte unser Haus. Vom Fenster aus sahen wir, wie sich eine aufgebrachte Menge unserem Wohnquartier näherte. Sie hätten uns ohne weiteres angreifen können.

Haben Sie unter diesen Umständen nicht schon ans Auswandern gedacht? Sie besitzen doch die französische Staatsbürgerschaft.

Natürlich könnte ich auswandern. Doch es braucht unsere Menschenrechtsarbeit im Irak unbedingt. Ich sehe es als meinen christlichen Auftrag, bei den Bedrängtesten auszuharren und für sie da zu sein. Mein Mann William und ich halten an den ermutigenden Worten Jesu fest: «Habt keine Angst, ich bin bei euch.»

Leider war es nicht mehr möglich, unsere Töchter bei uns zu behalten. Wegen Drohungen und Entführungsversuchen entschieden wir uns 2006 schweren Herzens, sie aus­ser Landes zu schaffen. 2008 holten wir sie zurück in den Irak, aber als der IS gegen Bagdad vorrückte, wurde es erneut zu riskant. Seit 2014 leben sie nun bei meinen Geschwistern in Frankreich.

Iraks neuer Premierminister Mustafa al-Kadhimi sagte bei einem Besuch in der Ninive-Ebene, dass die Christen zu den wichtigsten Elementen des Irak gehören. Wie stufen Sie diese Aussage ein?

Praktisch jede neue Regierung im Irak betont zu Beginn, wie wichtig die Christen fürs Land seien. Aber geben wir der Hoffnung eine Chance.

Immerhin wurde die chaldäische Christin Evan Jabro zur neuen Ministerin für Immigrations- und Flüchtlingsfragen ernannt. Sie selbst hatten dieses Ministerium 2004 und 2005 geleitet.

Natürlich ist es positiv, dass eine Christin dieses Amt übernommen hat, und ich gratuliere ihr. Es bleibt jedoch abzuwarten, welchen Einfluss Evan Jabro dabei ausüben kann. Die Aufgabe ist nicht einfach und mit einer hohen politischen und administrativen Belastung verbunden.

Sie waren als Rednerin für den CSI-Tag 2020 vorgesehen. Worüber hätten Sie sprechen wollen?

Ich hätte aufzeigen wollen, wie die Angriffe auf die Religionsfreiheit im Irak staatlich legitimiert und auf die Verfassung zurückzuführen sind. Jeder Angehörige einer nichtmuslimischen Religion ist frei, den Islam anzunehmen. Doch wenn Muslime eine andere Religion annehmen wollen, hat das drakonische Konsequenzen.

Eine weitere schwere Verletzung der Religionsfreiheit: Minderjährige Kinder werden automatisch Muslime, wenn ein Elternteil Muslim ist oder zum Islam konvertiert.

Ja, dieses Gesetz ist für uns unhaltbar. Es stammt aus dem Jahr 1959 und wurde 1971 noch verschlimmert. Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass die Kinder ihre Religion bis zur Volljährigkeit behalten können. Dann sollen sie selber entscheiden, welchen Glauben sie annehmen wollen. Die Ungleichbehandlung der Religionen durch dieses Gesetz ist ein wichtiger Grund, weshalb Christen den Irak verlassen.

Was muss die Regierung unternehmen, um den Exodus der Christen zu stoppen?

Die irakische Regierung sollte den Christen mehr Rechte zugestehen und vor allem ihre Sicherheit garantieren. Zudem müsste sich auch die Wirtschaft in eine positive Richtung entwickeln. In der Ninive-Ebene beträgt die Arbeitslosigkeit gegenwärtig rund 50 %. Hier sind grosse Anstrengungen erforderlich. Zudem müssen die Christen die Gewissheit haben, dass sie alle ihre Grundstücke, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten beschlagnahmt wurden, zurückerhalten.

Schliesslich müssen religiös motivierte Gewaltakte endlich als das bezeichnet werden, was sie sind: schwere Verbrechen. Zu oft billigen die irakischen Behörden solche abscheulichen Taten, anstatt die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Reto Baliarda 

 


CSI mit Hammurabi: Seit 2007 im Einsatz

Pascale Warda gründete mit ihrem Ehemann William und weiteren Christen die irakische Menschenrechtsorganisation Hammurabi. Sie ist seit 2007 CSI-Partnerin. Damals hatte die islamistische Gewalt im Irak einen Höhepunkt erreicht. Hammurabi, bis heute christlich geprägt, öffnete sich später für Angehörige anderer Religionen. Für die Hilfsprogramme von CSI und anderen Partnern greift Hammurabi auf ein breites Netzwerk von Freiwilligen zurück. Diese umfassten bisher medizinische Hilfe für Opfer von islamistischen Anschlägen, Verteilung von Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Winterjacken, Kerosinöfen und Wasserreinigungsmaschinen, Reintegrationsunterricht für jesidische Kinder sowie die Durchführung von Konferenzen, um den religiösen Minderheiten eine Stimme zu verleihen. Letztes Jahr rüstete CSI unter anderem 15 Schulen mit Wassertanks aus.

 

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